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Notizen für die Ewigkeit

Freundliche Fundamentalkritik

Aus: Ausgabe 41/2011

Hört bei Israel die protestantische Pressefreiheit auf?

Protestantische Nüchternheit und diplomatische Diskretion bringen zuweilen eigenartige euphemistische Blüten hervor. Auf der jüngsten Mitgliederversammlung des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Bonn war es mal wieder so weit. Die Teilnehmer stritten über einen Beitrag im sonst wenig kontroversen Deutschen Pfarrerblatt. „Dieser Artikel hat dem jüdisch-christlichen Dialog nicht gedient“, lautete die freundlich formulierte Fundamentalkritik von Teilnehmern.

In der Augustausgabe des Pfarrerblattes hatte der Alttestamentler und Pfarrer im Ruhestand Jochen Vollmer unter der Überschrift „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker“ dem Staat Israel kontinuierliche Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen. Die Theologie, forderte der Pfarrer im Ruhestand, müsse sich von der „missbräuchlichen Vereinnahmung der Bibel für nationalreligiöse Interessen“ befreien, denn diese beruhe auf „einem partikularen und exklusiven Missverständnis Gottes zugunsten von Israel auf Kosten der Völker“.

Immerhin, dem verbandsinternen Dialog diente der Artikel auf jeden Fall. Unter den Tagungsteilnehmern entspann sich eine heftige Kontroverse. Dürfen solche israelkritischen Gedanken in dem publizistischen Organ des Pfarrerverbandes erscheinen? Ist das „Deutsche Pfarrerblatt“ wirklich „ein freier Sprechsaal“, ein „offenes Forum von Pfarrern für Pfarrer, das auch Raum für unbequeme Positionen bieten soll“? Die Mehrheit der Anwesenden sprach sich dezidiert für die „Freiheit des Wortes“ aus. Doch die Praxis erwies sich als komplizierter. Wie zum Beispiel kann es sein, dass die politische Brisanz des Beitrags so unterschätzt wurde? Warum gab es im Vorfeld keine Vorbereitung auf mögliche Reaktionen? Erlag man gar der Illusion, dass sich die publizistische Reichweite des Artikels mitten im Internet-Zeitalter auf die engen Grenzen des Pfarrerverbandes beschränken würde? Und ist die publizistische Unabhängigkeit des Deutschen Pfarrerblattes wichtiger als das gute Verhältnis der Evangelische Kirche in Deutschland zum Zentralrat der Juden?

In dieser Debatte war die protestantische Nüchternheit auf einmal verflogen. Beim Existenzrecht Israels, so scheint es, hört die protestantische Pressefreiheit auf. „Es war nichts mehr herunterzuhängen“, stellte Pfarrer Klaus Weber klar, der 18 Jahren lang den Verband leitete. Die drohende „Zerstörung des Verhältnisses zum Zentralrat der Juden“ traf ihn unvorbereitet und damit umso heftiger. Für andere war die mangelnde Abstimmung über den Beitrag ein „schlichter Missgriff“.

Schriftleiter Peter Haigis sah sich deshalb genötigt, in der September-Ausgabe des Pfarrerblattes eine Klarstellung vorzunehmen. Es sei dem Verband wichtig, nicht als „antisemitisch“ oder „israelfeindlich“ missverstanden zu werden, schrieb er und druckte eine offizielle Erklärung des Verbandsvorstandes ab. Alle im Deutschen Pfarrerblatt veröffentlichten Artikel gäben ausschließlich die Meinung des Autors wieder. Von dieser allerdings distanzierte sich der Verbandsvorstand scharf: Er sei der Überzeugung, dass „Christen das Bestreben des jüdischen Volkes nach einer gesicherten Existenz in einem eigenen Staat unterstützen“. Autor Jochen Vollmer kam nicht mehr zu Wort. Ob er jemals wieder in dem „freien und offenen Forum von Pfarrern für Pfarrer“ schreiben darf?

Erschienen in:
Ausgabe 41/2011
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Notizen für die Ewigkeit
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Ethik, Medien