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Haltung, bitte!

Freiheit auf Zeit

Aus: Ausgabe 33/2012

„Unsere beiden Töchter haben Ferien bei den Großeltern gemacht. Jetzt sagen sie bei jeder Gelegenheit: ,Bei Oma und Opa dürfen wir das aber.‘ Das ist schon ziemlich anstrengend. Mein Mann findet nun, seine Eltern hätten die Kinder zu sehr verwöhnt und wir müssten seinen Eltern künftig deutlich mehr Grenzen setzen. Wie sehen Sie das?“ S. Rudolph, Würzburg

„Ferien bei den Großeltern ist wie Urlaub bei Pippi Langstrumpf, nur ohne Pippi Langstrumpf“, hat neulich ein Siebenjähriger voller Begeisterung erzählt und diese These gleich noch vor Publikum ausgeführt – zum Schrecken seiner Eltern: Er habe bis spätabends aufbleiben dürfen, die Nudeln mit den Fingern gegessen und morgens nach dem Frühstück schon ein Eis geschleckt. Die Bohrmaschine habe er alleine halten dürfen und nachmittags drei Stunden ferngesehen. Die blanke Kinderseligkeit.

Nein, Großeltern müssen keine Grenzen gesetzt werden wie kleinen Kindern. Die natürliche Grenze dieser wunderbaren Freiheit ist das Ende der Ferienzeit. Zu Hause gelten andere Regeln. Kinder wissen das. Trotzdem noch einmal ein paar Tage lang auszutesten, ob die großelterliche Großzügigkeit nicht auch bei den Eltern funktioniert – diese Probe wird sich kein Mensch unter 18 entgehen lassen. Vielleicht geht es Ihrem Mann aber auch gar nicht um die vermeintliche Regellosigkeit der Großeltern, sondern um die Entdeckung, dass die eigenen, strengen Eltern bei den Kindern neue Maßstäbe entwickeln. Oft zieht mit den Kindern ja auch noch mal die eigene Kindheit vorbei. Der streng reglementierte Medienkonsum, die dosierten Süßigkeiten und die rigiden Schlafenszeiten – das soll nun bei den eigenen Kindern nicht mehr gelten?

Großeltern haben das Recht, im Umgang mit den Enkeln neue Regeln zu erfinden. Sie müssen nicht mehr dafür sorgen, dass die Kinder pünktlich zur Schule kommen oder ihre Zähne pflegen. Sie dürfen unvernünftig großzügig mit den Enkeln sein, vor allem dann, wenn sie sehen, dass ihre eigenen Kinder verantwortungsvolle Eltern geworden sind. Und Sie haben die kinderlose Zeit mit ihrer ungewohnten Freiheit vermutlich auch genossen.





Erschienen in:
Ausgabe 33/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Lebensstil