www.zeit.deProbe-Abo

Haltung, bitte!

Fluch der Flucht

Aus: Ausgabe 36/2013

„Der Wetzlarer Bahnhof hat zum Glück für seine Kunden noch einen Universalschalter, dort wird man beraten und kann auch Fahrkarten kaufen. Zum Unglück für seine Kunden hat er in dem sehr großen Schalterraum weder eine Bank noch einen Stuhl zum Sitzen. Während ich in der Schlange stand und gemeinsam mit Älteren wartete, erfuhr ich von einer Dame, dass sie schon mehrere Male am Schalter nach einer Sitzgelegenheit gefragt hat. Die Antwort war: Das geht nicht, der Fluchtweg muss frei bleiben. Wenn jemand umkippt, weil er nicht mehr stehen kann, ist der Fluchtweg tatsächlich nicht mehr frei. Was kann ich tun, damit die Bahn eine Sitzgelegenheit in dem Raum aufstellt? Annette F., Wetzlar

Während an manchen Orten die Fahrgäste auf Bänken sitzen und vergeblich auf den Zug warten, gibt es bei Ihnen offenbar keine Sitzgelegenheiten, aber dafür fahrende Züge. Wer jung und stark auf zwei Beinen ist, dem wird es im Bahnhof Wetzlar an nichts fehlen. Vielleicht geht es der Schalterbeamtin ja so. Oder sie gab die Antwort, während sie auf dem Drehstuhl hin und her rutschte. Ihr Problem war die lange Schlange vor ihrer Nase.

Wahrscheinlicher ist aber, dass die Fluchtwegbestimmungen einen Ort zum Niederlassen nicht vorsehen. Dann wäre der Hinweis auf die Vorschrift keine Ausrede. Es ist ja oft so, dass Regeln, die Menschen im Ausnahmefall schützen, im Normalfall nerven – oder einem sogar das Leben schwer machen. Dieser Widerspruch ist nicht zu lösen. Wenn die Schalterhalle so groß ist, wie Sie sagen, könnte man an Sitzgelegenheiten am Rande des Raumes denken. Vielleicht ist ja noch nie jemand draufgekommen. Allerdings ist so ein Schalterraum ja kein Wohnzimmer, wo jeder sein eigener Innenausstatter ist. Deshalb müssten Sie den Vorschlag schon an „höherer Stelle“ der Bundesbahn einreichen. Oder Sie wenden sich an den Interessenverband der Fahrgäste. Vielleicht gibt es ja schon eine Reihe von Beschwerden.

Mit eigenen Ideen kommen Sie leider nicht weiter. Es sei denn, Sie brächten zu jedem Fahrkartenkauf klappbare Stühle mit, die Sie den gehschwächeren Mitmenschen anbieten. Das könnte allerdings auch Ärger bringen, weil Kunstaktionen oder Kurzzeitcampen vermutlich ebenfalls untersagt sind. Aber manchmal hilft eine symbolische Aktion, um ein paar Mitstreiter zu gewinnen.

Erschienen in:
Ausgabe 36/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Kultur