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Haltung, bitte!

Fleisch ist nicht alles

Aus: Ausgabe 28/2011

„Meine Tochter geht in einen katholischen Kinder?garten. Auch ein paar muslimische Kinder gehen dorthin. Ich habe das immer begrüßt, denn es dient ja der Integration. Nun aber hat die Leitung beschlossen, dass künftig kein Schweinefleisch mehr auf dem Speiseplan für das Mittagessen steht. Geht das nicht zu weit in einer christlichen Einrichtung?“

„Iiih, ich esse nichts mit Augen!“ Das ist die Reaktion der meisten Drei- bis Siebenjährigen, wenn man ihnen erklärt, wo die mundgerechten Fleischstücke im Cornflakesmantel herkommen. Das sagt zumindest eine Studie. Kinder sind nämlich intuitive Vegetarier. Was quiekt und grunzt, soll nicht auf den Teller. Ich bin mir deshalb sicher, dass die Kinder ohne Schweinefleisch in den Fleischklößen prima leben können, wenn man sie fragt. Deshalb vermute ich, es geht Ihnen nicht darum, dass Ihre Tochter künftig etwas vermissen könnte. So wenig, wie Sie vermutlich etwas vermissen, wenn der Essensplan künftig auf die religiösen Speiseregeln der Muslime eingeht. Ihnen geht es offenbar um etwas Grundsätzlicheres. Kann eine Einrichtung, die von der Kirche getragen und im Geiste des Christentums geführt wird, in dieser Weise Rücksicht auf eine religiöse Minderheit nehmen? Oder verzichtet sie so auf ihr christliches Profil?

Der Apostel Paulus ist in dieser Frage eindeutig. Der Konflikt um religiöse Speiseregeln hat nämlich schon die ersten christlichen Gemeinden umgetrieben. Im Brief an die Gemeinde in Rom gibt er klare Haltungstipps: „Wenn Dein Bruder wegen Deiner Speise betrübt wird, so handelst Du nicht aus Liebe. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede“ (Röm 14, 15?f). Entschieden votiert Paulus für die Freiheit der Christenmenschen, sich nicht an den engeren Regeln der Geschwister aufzuhalten oder gar zu ärgern. Haltung zeigen heißt für Paulus: Freiheit zur Rücksichtnahme auf die, deren Regeln beim Essen wegen strenger Speise?gesetze nicht ganz so frei sind. Im Kindergarten Ihrer Tochter lebt offenbar dieser paulinische Geist fort. Darüber sollten Sie sich freuen. 

Im Übrigen bin ich mir sicher, dass die Eltern der muslimischen Kinder die Einrichtung mit Bedacht gewählt haben. Hier erfahren ihre Kinder etwas von der christlichen Religion, von der sie täglich umgeben sind. Hier erfahren sie schon beim Mittagessen den Geist des Respekts vor dem Glauben der anderen. Das fördert die Integration. Und die soll am Speiseplan nicht schon scheitern.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland.Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie an haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 28/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch