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Haltung, bitte!

Fernes Mitleid

Aus: Ausgabe 20/2014

„Seit in der letzten Woche ein Austauschschüler aus Hamburg in den USA erschossen wurde, ist die Aufregung und Betroffenheit groß. Der Fall ist fürchterlich, aber in den USA werden täglich Teenager erschossen, nach denen kräht kein Hahn und schon gar keine bürgerliche Öffentlichkeit in Deutschland. Ist das nicht ein ganz besonderer Zynismus – eine Moral nur für die eigenen Leute?“ Henner R., bei Hamburg

Im 18. Jahrhundert gab es eine philosophische Debatte unter europäischen Gelehrten, die mitten in das Herz Ihrer Haltungsfrage stößt. Verlieren moralische Gesetze durch Entfernung an Kraft, ja gar an Gültigkeit? Moralische Gesetze, auch das Gebot des Mitleidens, müssen überall und immer gelten, mögen Sie einwenden. Die Schule der Menschheit lehrt anderes. Es gibt Verbrechen, die liegen so lang zurück, dass die Empörung zu einem Gedenkritual aus Pflicht wird.

Es gibt schreckliche Dinge, die geschehen Menschen, die so weit weg sind, dass wir sie nur noch von Ferne als Menschen wahrnehmen. Wer fragt bei Millionen Hungertoten nach Geburtsnamen oder Lebensträumen? Ein Denker geht noch weiter: Was ist mit all dem Leid, das uns nicht bekümmert, weil wir es gar nicht zur Kenntnis nehmen? Auch Empathie kennt mindestens zweierlei Maß. Offenbar brauchen wir den Unterschied von „wir“ und „sie“, wobei die Zuordnung zu einer der beiden Gruppen elastisch ist.

Es gibt, wie die Moralisten vor 300 Jahren feststellen, „nahes und fernes Mitleid“. Einer erinnert daran, dass wir gar nicht leben könnten, wenn wir stets und in jedem Augenblick des eigenen Glücks das Elend der anderen bedächten. Als Entschuldigung gilt das nicht. Eher als Grund für Traurigkeit. Sie packen die ernsthaft Empörten ja mit Recht am Schlafittchen. Wer denkt schon an all die Jugendlichen, die in den USA erschossen werden, weil es dort in vielen Bundesstaaten Gesetze gibt, die noch aus der Zeit stammen, als der Westen wild und das Leben bedrohlich war?

Wer denkt daran, dass die meisten von ihnen eine schwarze Hautfarbe haben und schon vor ihrem Tod wenig Chancen auf ein gutes Leben hatten? Nun trifft es „einen von uns“. Er wollte seine Chance nutzen, ein welthungriger Schüler aus einer weltoffenen Stadt. Was mich daran berührt: Der deutsche Junge mit den türkischen Wurzeln, dessen Eltern in der Moschee trauern, ist einer von „uns“. Sein Tod ist „nahes Unglück“.






Erschienen in:
Ausgabe 20/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Außenpolitik, Ethik, Tod