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Haltung, bitte!

Feder als Haltestab

Aus: [Ausgabe 21/2013

„Was halten Sie von ,geschönten‘ Tagebüchern? Meine Mutter schrieb ihr Leben auf, und meine Kinder haben große Sehnsucht nach Wurzeln. Ich kann aber kaum ertragen, dass die Autorin unserer Familiengeschichte viel Schmerzliches einfach auslässt. Soll ich die Tagebücher der nächsten Generation anvertrauen oder nicht?“ Martin A., Berlin

Tagebücher sind persönliche Zeugnisse, die nicht nur etwas offenbaren, sondern auch etwas verschweigen. Sie sind Orte der Erinnerung – und deshalb auch Orte bewussten oder unbewussten Weglassens und Verdrängens. Zwar gelten sie als verborgene Stellen für die ganze Wahrheit, den ganzen Schmerz und die ganze Wucht der Gefühle. Schließlich schreiben die meisten ihr Tagebuch im Geheimen oder zumindest im Vertrauen darauf, dass es (vorerst) keine Mitleser gibt. Im Grunde ist jeder Tagebucheintrag ein Erzählversuch, in den sich Wünsche und persönliche Deutungen mischen. Manchmal dienen die Einträge auch der Korrektur am wirklichen Leben.

Das Tagebuch wird so zum Medium einer großen Sehnsucht. Vielleicht hat Ihre Mutter dem Tagebuch nur anvertraut, was sie sich selber eingestehen oder ertragen konnte. Die Feder ist dann wie ein Haltestab für äußerliche Begebenheiten, um nicht von den eigenen Gefühlen weggeschwemmt zu werden. Viel, was ungesagt blieb, steckt immer noch zwischen den Worten. Manchmal ist der Schmerz so groß, manchmal das Familiengeheimnis so schuld- und schambesetzt, dass das Schreiben dazu hilft, das eigene Selbstbild wieder aufzurichten. Oder gar die Familienehre. Geben Sie die Tagebücher Ihren Kindern. Und vermitteln Sie ihnen das Gefühl, etwas Kostbares in den Händen zu halten. Die Erzählung ihrer Großmutter. Bestimmt wollen Ihre Kinder dann auch Ihre Wahrheit hören. Treten Sie nur nicht als Zensor auf, der in die Lücken auf dem Tagebuchpapier mit Vorwürfen tritt. Eher schon wie ein Zeuge, mit eigenen Erinnerungen, eigenem Schmerz und der eigenen Verklärung.

Erschienen in:
[Ausgabe 21/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch