www.zeit.deProbe-Abo

Haltung, bitte!

Falsche Sorge

Aus: Ausgabe 10/2014

„Der jüngste Sohn meiner Schwester, Ende 20, hat immer noch keine Freundin und wohnt noch zu Hause, trotz eines abgeschlossenen Studiums und einer guten Stelle. Nun machen wir uns alle Sorgen, dass er schwul sein könnte und sich das nicht zu sagen traut. Wie können wir ihm helfen?“ Liselotte B., Bergisch-Gladbach

Ganz ehrlich? Das Einerseits-Andererseits fällt diesmal aus. Heute wird es einseitig. Ob Ihr Neffe Männer oder Frauen liebt, aus welchen Gründen er noch im Hotel Mama wohnt und warum er Single ist, ob gewollt oder ungewollt, das geht Sie nichts an. Sorgen sind nämlich nicht immer aller Ehren wert. Wer verbirgt sich denn hinter dem sorgenden „Wir“? Die Verwandtschaft, die Ihre Schwester fragt: „Wann wirst du denn endlich Oma?“ Neugier tarnt sich gerne als Kümmernis. Woher wissen Sie, dass Ihr Neffe keine Lebenspartnerin, keinen Lebenspartner hat? Und woran erkennen Sie, dass jemand homosexuell ist? Weil er auf die Ermunterungsversuche, die verklausulierten Hinweise oder die versteckte Liebesberatung mit Abwehr reagiert? „Der Sohn von den Rügelhammers hat über eine Partnerschaftsvermittlung eine hinreißende Frau gefunden.“

Diese Art der Fürsorge ist gut gemeint, ermuntert aber niemanden, seinen eigenen Weg zu gehen. Wenn Sie Ihrem Neffen eine gute Tante sein wollen, dann beißen Sie sich auf die Zunge und hören Sie mit dem Rätseln auf. Vielleicht sehen Sie Ihren Neffen ja tatsächlich leiden. An der Einsamkeit, an der Unbeholfenheit dem Leben gegenüber, trotz eines guten Jobs. Vielleicht sorgen Sie sich um Ihre sorgengrame Schwester. Dann ermuntern Sie sie, mit ihrem Sohn über das zu sprechen, was sie selbst bewegt.

Will sie ihren Sohn nicht gehen lassen, oder weiß sie nicht, wie sie ihn sanft vor die Tür setzen kann? Ihrer Schwester können Sie helfen. Auch dabei, den Sohn so zu lassen, wie er ist, und für sich selbst den Raum zu beanspruchen, den die Mutter eines erwachsenen Sohnes beanspruchen kann. Zum Beispiel, nicht mehr seine Socken waschen zu müssen. Und aus dem Jugendzimmer endlich ein Gästezimmer zu machen. Für seine sexuelle Orientierung und für seine Variante des Lebensglücks sind Sie nicht zuständig.






Erschienen in:
Ausgabe 10/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Sexualität, Lebensstil