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Haltung, bitte!

Falsche Loyalität

Aus: Ausgabe 02/2013

„Der Geschäftsführer der kleinen Firma, in der ich arbeite, hat ein gutes Verhältnis zu seinen Mitarbeitern. Seit ein paar Wochen versucht er jedoch, mir Bemerkungen über das Verhalten meiner Vorgesetzten zu entlocken, die ihm direkt unterstellt ist. Wir wissen alle schon lange, dass sie ein Alkoholproblem hat. Deshalb macht sie immer wieder grobe Fehler, die wir zu korrigieren versuchen. Ich will keine Kronzeugin ihres Versagens werden. Mein Chef sagt, dass er ein Problem auf die Firma zukommen sieht, das Arbeitsplätze kosten könnte. Was soll ich tun?“ Ingeborg F., Hilden

Auf den ersten Blick haben Sie den idealen Arbeitsplatz: ein Geschäftsführer, der sich nicht bloß als Manager versteht, sondern dem es wirklich um Wohl und Wehe der Firma geht. Und Sie haben Kollegen, die in wortloser Übereinstimmung die Fehler einer Vorgesetzten korrigieren, anstatt sie bloßzustellen und beim Chef zu verpetzen, um selbst auf der Karriereleiter nach oben zu klettern.

Allerdings sind die Fehler der Vorgesetzten offenbar nicht die Folge von allzu menschlichen Schusseligkeiten. Hier ist ein Alkoholproblem die Ursache, sagen Sie. Das „Versagen“, über das Ihr Chef offenbar Genaueres wissen will, ist also in Wahrheit eine ernste Krankheit. Deshalb sind Sie auch nicht die Kronzeugin eines Verrats.

Nötigt Ihr Chef Sie dazu, Ihre Vorgesetzte für seine Zwecke auszuspionieren? Oder will er nur seinen eigenen Verdacht erhärten, bevor er mit seiner Mitarbeiterin spricht? Seine Personalverantwortung kann er nicht an Sie delegieren, auch wenn es für ihn unangenehm wird. Das können Sie ihm so deutlich sagen. Aber wenn er Sie ins Vertrauen zieht, weil es um mögliche Hilfen für eine suchtkranke Kollegin geht, sollten Sie sich nicht zur Komplizin des Vertuschens machen.

Es gibt auch falsche Loyalität. Denn eine Sucht verschwindet nicht irgendwann von selbst wie Liebeskummer. Möglich, dass Ihre Vorgesetzte irgendwann Fehler macht, die sich nicht mehr hinterrücks korrigieren lassen und die dann alle Kopf und Kragen kosten. Das wäre schlecht für alle in der Firma.

Vor allem aber braucht sie offenbar dringend Hilfe. Es ist nicht Ihre Aufgabe, sondern die des Chefs, der Mitarbeiterin diesen Weg zu weisen. Es ist das Klima der Loyalität und Fürsorge in Ihrer kleinen Firma, das Ihrer kranken Kollegin den Weg zurück in ein Leben ohne Alkohol erleichtern kann.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik, Wirtschaft