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Literat

F. C. Delius

Aus: Ausgabe 44/2011

Ein deutscher Schriftsteller, 1943 in Rom geboren, dort wieder seit zehn Jahren wohnhaft, noch dazu ein evangelischer Pfarrerssohn in der Weltmetropole des Katholizismus – dies allein klingt schon nach einem literarischen Stoff

Ein deutscher Schriftsteller, 1943 in Rom geboren, dort wieder seit zehn Jahren wohnhaft, noch dazu ein evangelischer Pfarrerssohn in der Weltmetropole des Katholizismus – dies allein klingt schon nach einem literarischen Stoff, der romanhafte Züge trägt. Das alles riecht nach jener deutschen bildungsbürgerlichen Italiensehnsucht, wie sie Goethe durch seine berühmte Reise geschickt inszeniert hat. Doch F. C. Delius ist kein Autor, dem angesichts eines klischeehaften Italienbildes Hören und Sehen vergeht. Gäbe es einen Poetenpreis für die größtmöglichste Nüchternheit, müsste er ihm ebenfalls zugesprochen werden, wie in diesen Tagen der 60. Büchner-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung.

Delius schreibt immer sensibel, niemals aber sentimental. Deswegen nimmt es auch nicht wunder, dass er in Rom nicht nur die blühenden Zitronenbäume zur Kenntnis nimmt, sondern auch die blühende Korruption, die dieses Land in immer tiefere Krisen führt. Dem Schriftsteller ist weder ein literarischer Text über die Ewige Stadt abzuringen, noch ist er zum Flanieren durch konsum-gleichgeschaltete Einkaufsstraßen zu bewegen. Er ist ein durch und durch authentischer Dichter in einer ganz und gar authentizitätslosen Stadt, die ihre Identität längst den Mythen und Legenden angeglichen hat, die sich um sie ranken. Mit Delius ist kein Mythos zu stiften. Die historischen Überblendungen der Ewigen Stadt hat er durchschaut. Das langjährige Leben in der Mauerstadt Westberlin bot dafür eine gute Sehschulung. Rom ist voller Provisorien, die sich für ewig hielten. „Die Römer glauben an nichts, außer an Wunder“, schreibt Delius in seinem jüngsten Essay. Er selbst denkt genau anders: Der Autor hält alles für möglich. Wundern steht der Pastorensohn naturgemäß skeptisch gegenüber.

Ins Antico Caffè Greco in der Nähe der einzigen deutschsprachigen Buchhandlung in Rom lädt Delius nicht deshalb, weil dort Stendhal, Goethe, Lord Byron, Franz Liszt, John Keats ihren Kaffee tranken, sondern weil „das einer der ruhigsten Plätze der Stadt ist, anders als die lauten Bars, in denen man sich nicht unterhalten kann“. Heute ein Künstler-Café und ein Ort, an dem Politiker beim Campari die internationalen Tageszeitungen lesen. Stehen sie auf den Gehaltslisten des Großeinkäufers Silvio Berlusconi, von denen Delius in diesem Interview spricht? Am Ecktisch sitzt der frühere Außenminister Gianni De Michelis beim Espresso und studiert Akten. Der ehemalige Sozialist hat nach massiven Korruptionsvorwürfen um die PSI Mitte der Neunzigerjahre eine kleine Partei gegründet, die heute in einem rechten Wahlbündnis Berlusconi unterstützt. Selbst wo F. C. Delius ins Kaffeehaus bittet, wählt er noch einen hochpolitischen Ort, weil eben die ganze Welt romanhafte Züge trägt. Sein literarisches Werk umfasst 30 Romane und Erzählungen, Gedichte, Essays und Zeitgeistbetrachtungen finden sich darunter. Seine beiden „biografischen Lustbarkeiten“ sind die Erzählungen „Bildnis der Mutter als junge Frau“ und „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“. Ein elfjähriger stotternder Junge versucht sein Leben im Pfarrhaus mit seinem großen Fußballtraum in Einklang zu bringen. Ganz im Sinne von Delius – ohne die Disharmonien zu unterschlagen.

Erschienen in:
Ausgabe 44/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
keine