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Haltung, bitte!

Ethik für danach

Aus: Ausgabe 49/2011

„Vor einiger Zeit haben Sie eine Haltungsfrage beantwortet, in der ein lesbisches Paar ein Problem mit dem Mann bekommt, der ihm per Samenspende ein Kind ermöglicht hat...

 An der Antwort habe ich nichts zu beanstanden. Aber müsste eine Pastorin sich nicht kritisch zu den Samenbanken und der Geschäftemacherei mit dem Kinderwunsch verhalten?

Mit mancher Haltungsfrage könnte man Kammern, Ethikräte und Expertengremien der Kirchen gut und gerne ein paar Wochen beschäftigen. Das Geschäft mit dem Kinderwunsch und das Verdrängen der Risiken gehört sicher dazu. Die Kolumne, auf die Sie anspielen, macht eines der Risiken zum Thema. Hat ein Kind, das aus einer Samenspende hervorgeht, ein Recht darauf, seinen Vater kennenzulernen? Schnell erwachsen daraus moralische und rechtliche Probleme. Doch diese Probleme lauern auch, wenn Kinder auf natürlichem Wege entstanden sind. Schwieriger wird es für mich, wenn die Samenspender anonym bleiben wollen. Die ungeklärte Identität kann Kinder später ein Leben lang umtreiben. Das passiert zwar schon seit Jahrhunderten, weil Väter sich zu allen Zeiten aus dem Staub gemacht haben, aber bei Samenbanken ist die verdunkelte Herkunft Teil des Geschäftsmodells. Auf dem Grat zwischen schnöder Geldmacherei und der Einlösung von Familienglück sollten Christen es sich aber nicht zu leicht machen. Schließlich betonen wir auf allen Kanälen, wie wertvoll und gottgewollt das Leben mit Kindern ist. Trotzdem sollten wir kritisch beobachten, wie ein ganzer Industriezweig diesen Wunsch vermisst und in Ratenkrediten reguliert. Bei der Kolumne war der Fall allerdings anders. Hier geht es um einen sechsjährigen Jungen mit einem frechen Grinsen, einer Schürfwunde am Knie und seiner unbedingten Liebe zu seiner Familie. Ich glaube, es gibt eine Ethik „davor“ und eine Ethik „danach“. Christliche Ethik geht von der Wirklichkeit aus, die ist. Diese Radiergummimentalität, die am liebsten an der Wirklichkeit herumrubbelt, bis sie ist, wie man sie gerne hätte, ist so unevangelisch wie der Hinweis: „Hättet ihr auf die Samenspende verzichtet, hättet ihr jetzt kein Problem.“ Das „Problem“ hat einen Taufnamen! Das allein zählt für die Ethik „danach“.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur für Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr eine E-Mail.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Ethik, Lebensstil