Entwicklung
Es darf nicht immer Kaviar sein!
Aus: Ausgabe 08/2012
Wieviel Wachstum verträgt die Schöpfung? Nach Finanzminister Wolfgang Schäuble und Umweltminister Norbert Röttgen kommt Friedensnobelpreisträger Mohan Munasinghe zu Wort.

Christ & Welt: Wir durchleben gerade eine globale Wirtschaftskrise, und Sie wollen, dass wohlhabende Menschen ihren Konsum einschränken. Das klingt nach einer verrückten Idee?…
Mohan Munasinghe: Ganz im Gegenteil. Wir sprechen über die schädlichen Konsummuster der Reichen auf der Welt – und zwar in Industrie- und Entwicklungsländern. Wir verfügen bereits über das Wissen und die politischen Instrumente, um Produktion und Absatz nachhaltiger zu gestalten. Dadurch könnten sich der Verbrauch knapper natürlicher Ressourcen und der Abfall um 10 bis 15 Prozent verringern. Dies ist ohne eine Einschränkung des bisherigen Lebensstils möglich. Er könnte sich in den Bereichen Ernährung und Gesundheit sogar verbessern. Es geht darum, die vorherrschende Definition, was ein gutes Leben ausmacht, zu ändern.
C & W: Woher soll dieser Meinungsumschwung kommen?
Munasinghe: Wir haben ein großes Problem mit den Werten, die das Verhalten der Menschen bestimmen. Und wir haben ebenfalls ein Problem mit der Bewertung von materiellen Gütern. Einige Menschen lesen gerne ein Buch, um zu entspannen, andere erfreuen sich daran, ein schnelles Auto zu fahren. Jeder kann auf seine Art die gleiche Erfüllung finden, doch letztere Aktivität verbraucht mehr natürliche Ressourcen als erstere. Das ist eine Frage der persönlichen Werte und Einstellungen. Autofahren führt zu einem Anstieg der Kohlendioxidemissionen, die wiederum zur Erderwärmung beitragen. Der Benzinpreis enthält jedoch keine wirksame Strafe für CO2-Emissionen. Schlüge man eine Kohlenstoffsteuer auf den Benzinpreis, würde der Wunsch, Auto zu fahren, nachlassen.
C & W: Kann Religion helfen, uns vom Diktat des Wachstums zu befreien?
Munasinghe: Statt über Religion sollten wir lieber über Ethik und Moral sprechen. Sie erhöhen unsere Überlebensperspektiven. Menschen mit ethischen Maßstäben, die auf Solidarität und Zusammenarbeit setzen, stehen in der Regel besser da als Gruppen, die sich untereinander bekämpfen oder umbringen. Solche ethischen Werte sollten unterstützt werden, und religiöse Gemeinschaften können dazu beitragen. Großzügigkeit, Nächstenliebe und der Schutz unseres Planeten kommen im Endeffekt jedem Menschen zugute. Dies bedeutet, dass neben moralischen Argumenten auch das intelligente Eigeninteresse überzeugen kann. Um zum Beispiel jemanden davon zu überzeugen, dass es besser ist, weniger Fleisch zu essen, können gesundheitliche Gründe gewichtiger sein. Eigennutz ist genauso wichtig wie Moral.
C & W: Brauchen wir eine Katastrophe, um aufzuwachen?
Munasinghe: Desaster können dazu beitragen, das soziale Kapital der menschlichen Gesellschaft aufzuladen. In meiner Heimat Sri Lanka zum Beispiel starben bei dem Tsunami 2004 über 35000 Menschen. Auf jeden 500. Einwohner kam mindestens ein Todesopfer – das heißt, jede Familie kannte einen Freund oder Verwandten, der gestorben ist. Wir waren ein armes Land, hatten einen Bürgerkrieg, und die meisten Leute haben gesagt, diese Gesellschaft wird zusammenbrechen. Aber das ist nicht passiert, weil die Bürger gemeinsam gehandelt haben. Ich war da, und innerhalb von vier Tagen nach dem Tsunami haben wir ein Treffen mit über 100 Nichtregierungsorganisationen organisiert. Es waren diese Gruppen, die Erste-Hilfe-Güter geschickt und den Überlebenden in den ersten Wochen geholfen haben. Sogar der Bürgerkrieg setzte für kurze Zeit aus. Das war eine klare Demonstration sozialen Kapitals in Sri Lanka. Wenn man im Gegensatz dazu Hurrikan „Katrina“ in den USA betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Rund 1800 Menschen starben, was eine kleine Zahl ist in einem sehr reichen Land mit über 300 Millionen Menschen. Obwohl die Tragödie weit geringere Ausmaße hatte als der Tsunami, brach in New Orleans die Gesellschaft zusammen! Plünderungen, Mord und Vergewaltigung breiteten sich aus, die öffentliche Ordnung löste sich auf.
C & W: Wie erklären Sie sich das?
Munasinghe: Es gab keine Solidarität, und das soziale Kapital war aufgebraucht. Für Menschen ist es wichtig, in der Not zu teilen. In ärmeren Gesellschaften funktioniert das oft besser. Arme Leute machen häufig harte Zeiten durch und haben deshalb mehr Mitgefühl. Reichere Menschen haben diese Botschaft vergessen. Sie sind so an ihre Infrastruktur gewöhnt, dass sie verwirrt werden, wenn eine Katastrophe sie trifft und um ihren Komfort bringt. Ärmere Menschen sind in Krisensituationen belastbarer. Wenn wir als Gemeinschaft zusammenarbeiten, können wir den Planeten retten. Wir müssen nicht warten, bis unsere nationalen Regierungen entscheiden, weil sie vielleicht niemals entschlossen handeln. Wir müssen es selbst tun.
C & W: Sie haben die Millenniums-Konsumziele vorgeschlagen. Sind sie ein Instrument, um reiche Menschen zum Teilen zu bewegen?
Munasinghe: Zurzeit verbraucht die Menschheit Ressourcen im Ausmaß von 1,5 Planeten – so plündern wir unser natürliches Kapital. Den Reichen muss klargemacht werden, dass ihr Konsum nicht nachhaltig ist. Fast 85 Prozent des globalen Konsums teilen die 20 Prozent der Reichsten unter sich auf, das sind 1,4 Milliarden wohlhabende Menschen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Weltgemeinschaft im Jahr 2000 den zwei Millionen Menschen versprochen hat, sie aus der Armut zu befreien – durch die Millenniums-Entwicklungsziele. Wo sind die Ressourcen dafür? Deswegen habe ich die Konsumziele vorgeschlagen.
C & W: Was bringt es, in reichen Ländern den Konsum zu drosseln, wenn die Armen kein Geld für Nahrungsmittel haben? Müsste man zuerst nicht ihr Einkommen anheben?
Munasinghe: Die Konsumziele sollen gewährleisten, dass die elementaren menschlichen Grundbedürfnisse abgedeckt werden. Dies ist in den Entwicklungszielen nirgends ausdrücklich erwähnt. Die anderen Konsumziele würden Obergrenzen für strategische Ressourcen einführen, zum Beispiel Wasser, Energie, Kohlendioxidemissionen, Mineralien und Baustoffe. Natürlich müssen wir sicherstellen, dass die frei werdenden Ressourcen den Armen zugutekommen und nicht von einer Gruppe Wohlhabender zur nächsten Gruppe wandern. Um das zu gewährleisten, müssen Konsum- und Entwicklungsziele miteinander kombiniert werden. Reiche Gemeinden können zum Beispiel ihre Ressourcen an ärmere Gemeinden übertragen, sodass Letztere ihre Entwicklungsziele erreichen. Der Aufbau von dauerhaften Existenzgrundlagen für ärmere Bevölkerungsgruppen könnte das Konsumniveau anheben, ohne dass diese auf Almosen angewiesen sind.
C & W: Welche Lehren ziehen Sie für die Konsumziele aus der Klimaschutzdebatte?
Munasinghe: Ich habe mit am Entwurf der Klimakonvention gearbeitet, die 1992 auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro verabschiedet wurde. Das war ein wichtiges Dokument. Seitdem geht die Klimaschutzdebatte bergab. Ich habe gelernt, dass nationale Politiker und Regierungen dazu tendieren, egoistisch zu handeln. Als zum Beispiel das Kioto-Protokoll beschlossen wurde, haben viele Länder noch schnell versucht, ihre Bemessungsgrundlage zu verschieben. Dies ist das sogenannte Ausverkaufsphänomen. Die Läden bieten 50 Prozent Rabatt an, aber vorher haben sie den ursprünglichen Preis schon verdoppelt. Positiv ist zu vermerken, dass immer mehr Menschen den Ausstoß von Treibhausgasen verringern wollen. Diese Bewegung von unten muss unterstützt werden. Die Lektion lautet: Das Volk ist seinen Anführern weit voraus, also traut ihm!
C & W: Kann man auch der Klima?forschung und ihren apokalyptischen Prognosen trauen?
Munasinghe: Lange vor dem Klimawandel werden Wasser, Nahrung und Energie knapp – wir müssen also eine Vielzahl von gravierenden Krisen durchstehen. Der Klimawandel wird diese Probleme verschlimmern. Es wird mehr Wirbelstürme, Dürren und Überschwemmungen geben. Weil diese Krisen in jedem Fall auf uns zukommen, werden die Konsumziele selbstverständlich sein. Es leuchtet jedem ein, dass man in einer Dürrezeit Wasser sparen muss. Und wenn Menschen der Hunger quält, braucht sie niemand daran zu erinnern, Essensreste nicht wegzuwerfen.
Das Gespräch führte Astrid Prange.
Der promovierte Physiker aus Sri Lanka wurde 2007 als Vizevorsitzender des UN-Weltklimarates gemeinsam mit dem damaligen US-Vizepräsidenten Al Gore mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Munasinghe ist Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Manchester und hat Gastprofessuren in China und Brasilien inne.





