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Aufhören

Entscheiden tut weh

Aus: Ausgabe 06/2012

Nächste Woche könnte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland per Bürgervotum abgewählt werden. Warum hat er so lange durchgehalten? Viele Politiker fürchten, mit ihrer Position auch sich selbst zu verlieren

Dieser Mann kann es nicht – er kann nicht aufhören. Dabei wollen die Medien seinen Rücktritt, die Bürger, die Opposition, selbst Parteifreunde. Nichts hat er mehr zu gewinnen, jeder neue Tag im Amt beschädigt ihn und das Amt nur noch mehr. Doch er bleibt stur und bleibt. Warum nur tut er sich, uns und seiner Familie das an?

Nein, nicht Bundespräsident Wulff ist gemeint. Es geht um Adolf Sauerland, Oberbürgermeister von Duisburg. Lange vor der „Causa Wulff“ galt er bereits als Prototyp des Politikers, der mit aller Macht an der Macht bleiben will. Nächste Woche soll Sauerland wegen seiner angeblichen Mitverantwortung für die Love-Parade-Katastrophe 2010 per Bürgerentscheid entmachtet werden. So unterschiedlich die Fälle sind – bei Sauerland geht es um die Mitschuld am Tod von 21 Menschen, bei Wulff um ein subventioniertes Eigenheim –, haben sie doch eines gemeinsam: Sie lassen sich mit politischem Kalkül allein nicht erklären. Hier klammern sich zwei Menschen und nicht nicht nur zwei Machtmenschen ans Amt. Sie haben Fehler gemacht und wollen sich das nicht eingestehen.

„Viele von uns“, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel jüngst in einem Interview mit der „SZ“, „haben Angst, dass sie mit dem Amt auch sich selbst verlieren.“ Dabei scheuten sie den Rücktritt aus dem menschlichsten aller Gefühle heraus: aus Scham. In der Politik bedeutet aufhören aufgeben. Es bedeutet versagen, es ist Niederlage oder wird zumindest als solche empfunden. Kein Kanzler ist freiwillig aus dem Amt geschieden, sie alle fielen Intrigen oder Wahlen zum Opfer.

Doch egal, wie klug man als Politiker agiert, so Gabriel, irgendwann ereile einen doch die große Scham. Wer Glück hat, geht aus ihr gestählt als Elder Statesman hervor, der große Rest jedoch versinkt in der Versenkung und schreibt an seiner Autobiografie.

Macht macht abhängig. Und für Politiker ist Anerkennung eine Droge. Auch wenn sie sich als Diener des Staates inszenieren, wollen sie vor allem eines: wertgeschätzt werden. Sie bespielen ihre Bühne wie der Künstler die seine – wie die Rolling Stones. Was denen die Hall of Fame ist, das ist Politikern das Geschichtsbuch: das Gefühl, dass etwas bleibt, wenn man selbst ab-, zurück- oder weggetreten ist. Deshalb spielen viele Politiker noch jenseits der Pensionsgrenze weiter, während ihre Nachfolger darauf warten, dass sie aus dem Rampenlicht verschwinden. Und notfalls wird halt nachgeholfen.

Der alternde Künstler oder Sportler riskiert dabei seine Würde und maximal seine Gesundheit. An Muhammad Ali etwa wird man sich als größten Boxer aller Zeiten erinnern, aber leider auch als Opfer seiner selbst. Er konnte nicht aufhören, deshalb wird er jetzt von Parkinson geschüttelt. Nur wenige haben die Größe zu sagen: Die Zeit war schön, doch jetzt ist sie vorbei. Henry Maske hat es geschafft. Auch Thomas Quasthoff. Als der Sänger merkte, dass sein Körper nicht mehr mitmacht, beendete er seine Karriere. Einfach so. Quasthoff ist schwerstbehindert von Kindheit an. Er wusste bereits, was Vergänglichkeit heißt. Vielleicht fiel ihm deshalb der Rücktritt leichter.

Ein Politiker dagegen hat nicht nur Körper und Würde, er hat auch Verantwortung. Eine Pflicht, der er genügen muss. Als Horst Köhler dem Amt des Bundespräsidenten nicht gewachsen war und zurücktrat, da schimpften viele Kommentatoren, dass das ja noch nie da gewesen sei. Was erlaubt sich dieser „Horst wer?“ bloß? Fühlt der gar keine Verantwortung? Vielleicht ist Köhler ja deswegen zurückgetreten, aus Verantwortungsgefühl, aus der Erkenntnis, letztendlich zu klein für die gestellte Aufgabe zu sein. Keiner weiß es, vielleicht nicht mal Horst Köhler selbst. Er will nicht darüber reden.

Doch was heißt schon Verantwortung gegenüber einem Amt, indem vor allem repräsentiert und nicht regiert wird? Verantwortung ist etwas anderes. Jeder Politiker, der nicht bundespräsidial über den Dingen schwebt, kennt sie. Verantwortung heißt, über andere Menschen zu entscheiden. Selten sind es Entscheidungen über Krieg und Frieden, Leben und Tod – wie etwa 1977, als Bundeskanzler Helmut Schmidt befahl, die von Terroristen gekaperte Landshut zu stürmen. Meistens sind es kleine Entscheidungen über Alltagsprobleme: Soll ich als Bürgermeister Kindergärten bauen oder Schwimmbäder? Brauchen wir Gewerbeflächen oder Grünanlagen? Soll ich ein Theaterfestival organisieren oder die Love-Parade ausrichten, damit endlich ganz Deutschland über meine Stadt spricht – und über mich?

Es gibt auch kleine Entscheidungen über Leben und Tod.

Vor der Love-Parade soll Adolf Sauerland ein herzlicher Mensch gewesen sein. Er lachte viel, fand für jeden die richtigen Worte und fuhr am liebsten mit dem Rad durch die Gegend. Heute sind ihm die Worte ausgegangen. Nur noch selten zeigt er sich in der Öffentlichkeit und wenn, wirkt er wie versteinert. Psychologische Betreuung hat er stets abgelehnt. Er sagt, er tue so lange seine Pflicht, bis ihm Fehler nachgewiesen würden. Erst dann trete er
zurück. Jetzt wird Adolf Sauerland wohl zurückgetreten.

Ja, dieser Mann hat Grund zur Angst, mit seinem Amt sich selbst zu verlieren. Schon Dieter Althaus flüchtete sich, nachdem er im Skiurlaub eine Frau totgefahren hatte, so lange ins Regierungsgeschäft, bis er, auch wegen seiner menschlichen Kühle nach dem Unfall, als thüringischer Ministerpräsident abgewählt wurde. Für Sauerland geht es nicht mehr ums Geschichtsbuch. Da steht er bereits drin, allerdings anders, als er es sich vorgestellt hatte. Für ihn geht es wohl darum, den Gedanken zuzulassen, am Tod von 21 Menschen mit schuld zu sein. Wie soll man damit weiterleben? Bis heute lebt Sauerland weiter wie Althaus einst: auf Autopilot im Amt.

Sollte er dieses verlieren, muss es nicht sein Ende sein. Jeder, der mit etwas aufhört, schreibt der amerikanische Psychologe Jeffrey Zeig, erlebt irgendwann das „Scheitern des Verleugnens“. Der kommt an den Punkt, an dem er merkt: Ich bin so weit unten, es kann nur aufwärts gehen. Dann hat man aufgehört mit dem Aufhören, dann fängt man wieder an. Mit etwas Neuem.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Innenpolitik, Tod