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Haltung, bitte!

Eins zu null für Gott

Aus: Ausgabe 13/2014

„Wir haben seit einem Jahr einen neuen Pfarrer, den wir eigentlich sehr mögen. Er ist charismatisch, kann auf Leute zugehen und wirkt authentisch in seinem Glauben. Es vergeht allerdings kaum eine Predigt ohne Fußballvergleiche. Manchmal habe ich das Gefühl, der Geistliche trüge seinen Bayern-Schal statt einer Stola, so sehr wurde das Fußballfeld zum Gleichnis für den Glauben. Sogar mir Bundesligafan geht das auf die Nerven. Soll ich ihm das sagen? Ich will nicht zu den Predigtnörglern gehören.“ Gerald D., Köln

Man stelle sich mal vor, eine Pfarrerin würde jede Predigt mit Vergleichen aus dem Ballett oder aus der Welt des Tiefseetauchens bestücken. Ich bin mir sicher, die Gemeinde hätte mit klaren Predigtnachgesprächen nicht lang gewartet. Beim Fußball ist das anders. Die Fußballgemeinde, die sich am Samstag vor dem Fernseher oder im Stadion trifft, ist so groß, dass der Fußball längst zum gängigen Bildbestand von Lebensberatung, Zeitungskommentaren, Matheunterricht und Predigten gehört. Offenbar schreibt der Kollege seine Predigten immer nach der „Sportschau“. Auf Dauer schießt er sich so ein Eigentor. Nicht, weil er den Fußball dann und wann als Parabel für den Glauben deutet. Das leuchtet sogar Ballettfans ein.

Ihr Pfarrer baut – vielleicht unabsichtlich – an einem Gleichnis-Monopol. Ihr Unbehagen ist deshalb berechtigt. Sie könnten Ihr Genervtsein zum Ausdruck bringen. Oder das biblische Bilderverbot. Nicht, weil Fußballbilder und Gleichnisse vom grünen Rasen per se vom Teufel sind. Sondern weil kein Bild allein für das stehen kann, worauf es verweist. Gleichnisse und Bilder sind Ausdruck der menschlichen Verlegenheit. Sie retten uns vor dem Schweigen, wenn Begriffe, auch theologische Begriffe, nicht helfen. Sie machen es möglich, überhaupt von Gott zu sprechen. Genau deshalb brauchen wir viele Bildwelten. Jesus hat es vorgemacht. Er erzählt Gleichnisse von Söhnen und Witwen, von Weinbauern und Tagelöhnern, von Perlen und Schätzen. Geben Sie Ihrem Pfarrer doch diesen Hinweis. Sie können das besser als die alte Dame mit ihrer Passion fürs Gärtnern oder der notorische Opernfan, der nur Verachtung fürs Kicken übrig hat.

Erschienen in:
Ausgabe 13/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch