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Haltung, bitte!

Ein Pate voller Zorn

Aus: Ausgabe 15/2014

„Wir haben bei der Geburt unserer Tochter den besten Freund meines Mannes gefragt, ob er der Pate werden will. Nun kurz vor der Taufe erfahren wir, dass er wegen der vielen Skandale aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. Er reagiert aggressiv auf das Kirchenthema, liebt unsere inzwischen Zweijährige aber sehr und erfüllt alle Kriterien eines wunderbaren Paten. Sollen wir unser Versprechen halten?" Cosima Z., Ort unbekannt

Wohl dem Kind, das liebevolle Lebensbegleiter jenseits der eigenen Eltern hat – einen Erwachsenen, der das Kind in den Zoo ausführt, Geburtstagsbriefe schreibt und es später auch mal parteiisch gegen die anderen Erziehungsberechtigten vertritt. Wenn es gut läuft, kann ein Pate Berater und Freund fürs Leben sein. Diese Art „säkularer Patenschaft“ stiftet verlässliche Beziehungen, die über Freundschaft statt über Abstammung bestimmt sind. Taufpaten bezeugen aber nicht nur den Akt, mit dem das Kind in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wird, sie sollen die Eltern bei der christlichen Erziehung unterstützen und das Kind auf dem Weg des eigenen Glaubens begleiten. Wer das wirklich möchte, kann sich auf etwas gefasst machen, jedenfalls dann, wenn er die Fragen von Kindern und Heranwachsenden an Gott und die Welt ernst nimmt.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Freund sich um den religiösen Weg Ihres Kindes kümmern will, wenn er die Kirche gerade fluchtartig verlassen hat? Wie steht er selbst zu dem Auftrag, der mit dem Patenamt verbunden ist? Er verstrickt sich am Taufstein in einen existenziellen Widerspruch, der ihn nicht kaltlassen kann, schon gar nicht, wenn er so voller Groll gegen die Kirche ist. Das Kirchenrecht und die Frage, ob er als Ausgetretener zum Patenamt zugelassen wird, lasse ich mal außen vor. Das hängt von Ihrer Konfession, vom Taufgespräch und von der Kirche ab, in der die Taufe stattfinden soll. Ihr Mann will dem besten Freund keine schon gegebene Zusage entziehen. Das „säkulare Patenamt“ füllt der Freund offenbar von Herzen aus. Fragen Sie ihn doch, ob er dieses Amt übernimmt. Entlasten Sie ihn von einem Versprechen, das er nicht halten kann.

Erschienen in:
Ausgabe 15/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch