Agrarforschung
Ein Hoch aufs Methionin
Aus: Ausgabe 20/2012
Nicht Vegetarier werden die Welt retten, sondern Chemiker. Ein Zwischenruf

Die Erde wird nicht größer, die Zahl ihrer Bewohner aber steigt rasant: Vor wenigen Monaten haben wir die Sieben-Milliarden-Grenze überschritten, 2025 werden acht Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Acht Milliarden Menschen, die gesättigt werden wollen. Die Frage, ob damit auch der Fleischverbrauch in der Welt weiter steigen wird, ist entschieden: Ja, so wird es kommen. Und der Fleischkonsum wird gerade in Ländern wie China und Indien zunehmen, wo viele Menschen noch in Armut leben.
Er wird kommen, auch wenn die Vegetarier dieser Welt den Nichtvegetariern mit Leidenschaft ihren Fleischkonsum ausreden wollen. Da paaren sich gesundheitliche Warnhinweise mit dem Mitleid zur tierischen Kreatur. Oder man prangert die umweltschädliche Produktion des pflanzlichen Futters zur Tiermast an sowie seine Flächenkonkurrenz zu menschlicher Nahrung. Zudem sei alles in der Hand anonymer „Großkonzerne“, deren Feindbildwert steigt, wenn sie amerikanischer Herkunft sind.
Vor allem die Geflügel-Nachfrage wächst in allen Erdteilen rasant. Zwischen 2010 und 2016 wird alleine in China eine Zunahme des Geflügelfleischverbrauchs um 42 Prozent erwartet. Die Menschen wollen Fleisch essen, und zwar mehr als bisher: Der weltweite Fleischverbrauch, der im Jahr 2000 noch bei 37,4 Kilo pro Kopf lag, wird bis 2050 schätzungsweise auf jährlich 52 Kilo ansteigen. Die Welternährungsorganisation FAO forderte bereits auf dem Welternährungsgipfel 2002 in Rom zu intensiverer agrarwirtschaftlicher Forschung auch auf dem Felde der Biotechnologie auf.
An fehlenden Ressourcen oder mangelnder Technik müsste die Lösung des Hungerproblems nicht scheitern. Nach Berechnungen des britischen Agrarökonomen Keith Jaggard könnten die Erträge in der Landwirtschaft bis zum Jahr 2050 sogar um die Hälfte gesteigert werden. Man müsse es nur ernsthaft wollen und dürfe die grüne Biotechnologie nicht verteufeln.
Unbestritten ist: Der Frage nach der technischen und wirtschaftlichen Machbarkeit steht jene nach der ethischen Verantwortbarkeit gegenüber. Die Frage ist, ob, wie und unter welchen Bedingungen eine intelligente und nachhaltige, entwicklungs- und gesellschaftspolitisch sinnvolle wie ökonomisch und ökologisch verantwortbare und vor allem ausreichende Steigerung des Nahrungsmittelangebots erreicht werden kann.
Das kann funktionieren, und am Beispiel der Geflügelproduktion lässt sich dies besonders gut veranschaulichen. Notwendig sind dort essentielle Aminosäuren, also Eiweiße, die lebenswichtige Bestandteile menschlicher und tierischer Ernährung bilden. Sie kommen in etwa 20 Formen vor, die nicht allesamt vom Körper selbst produziert werden. Etwa zehn von ihnen müssen täglich mit der Nahrung aufgenommen werden. Einige davon sind in pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten, andere muss man in Form von tierischem Eiweiß (Fischmehl, Tiermehl) oder durch Sojaprodukte zuführen. Werden diese essentiellen Aminosäuren durch synthetisch erzeugte Aminosäuren ersetzt, steigt die Fütterungs- und Lebensmittelqualität. Zugleich entfallen dadurch der Anbau von Getreide oder Soja beziehungsweise die entsprechende Produktion von Fisch- oder Tiermehl. Das schont die Umwelt nachhaltig.
Die wichtigste synthetische Aminosäure ist das DL-Methionin, dessen Marktvolumen gegenwärtig bei 750 000 Tonnen liegt. Es wird als erste synthetische Aminosäure zur Geflügelproduktion eingesetzt. Gewonnen wird DL-Methionin auf petrochemischer Basis. Um einen ökologischen Beurteilungsrahmen auch für die öffentliche Diskussion zu schaffen, setzen die Hersteller synthetischer Eiweiße „Life Cycle Assessments“ ein, also Ökobilanzen, in denen die Umweltwirkungen des Produktes während seines ganzen Lebensweges dargestellt werden. Auch im Falle synthetischer Aminosäuren lässt sich so ein besseres Verständnis für den ökologischen Zusammenhang zwischen nachhaltiger chemischer Produktion und der Wohlfahrt von Tieren, Endverbrauchern und ihrer Umwelt erzielen.
Bei Betrachtung der Umweltbilanz für synthetisches Methionin fällt vor allem die gewaltige Ersparnis von Anbauflächen für die bisher verwendeten pflanzlichen Eiweißfutter ins Auge. Denn ein Kilogramm Methionin ersetzt in der Fütterung 160 Kilogramm Sojamehl, entsprechende Importe können entfallen. Die Verwendung von 750 000 Tonnen synthetischem Methionin würde also die Nutzung von 15 Millionen Hektar Ackerland zum Zwecke des Anbaus futterergänzender agrarischer Eiweiße überflüssig machen. Dies ist segensreich, da die Flächen für den Anbau von Getreide und Gemüse für den menschlichen Verzehr knapper werden. Denn die klimatisch verursachte Bodenerosion zerstört jährlich mindestens zehn Millionen Hektar agrarischer Fläche, und bisher für menschliche Nahrung verwendete agrarische Anbauflächen werden überdies für die pflanzliche Energieerzeugung umgewidmet.
Synthetische Eiweiße sind zudem „sortenrein“. Pflanzliches Eiweißfutter hingegen enthält Aminosäuren in unterschiedlichen Anteilen, verwertet wird aber nur bis zur Grenze des Eiweißes mit dem geringsten Anteil – das „Minimumgesetz“ Justus von Liebigs: „Der Nutzen der in Futtermitteln enthaltenen Proteine wird durch die knappste Ressource eingeschränkt.“ Mithin werden auf pflanzlichem Wege überschüssige Proteine erst produziert, dann vernichtet.
Aber die Ökobilanz setzt sich fort: Pro metrischer Tonne künstlich hergestellten Methionins – so haben es das Institut für Energie- und Umweltforschung ifeu sowie die Unternehmensberatung McKinsey vorgerechnet – werden 23 Tonnen CO2-Emissionen eingespart. Das bedeutet: Bei Vollauslastung der jetzt vorhandenen Kapazitäten ließen sich etwa 14 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Bei Ammoniak geben diese Berechnungen den Faktor 1:26, bei Nitrat 1:7 an. Solche Belastungsminderungen sind ökologisch bedeutsam, da nach Angaben der FAO bereits ein Fünftel des EU-Ackerlandes einen Stickstoffüberschuss aufweist und das Grundwasser Nitratfrachten trägt. Würden synthetische Aminosäuren in der Schweinemast EU-weit eingesetzt, ließen sich 300 000 Tonnen Stickstoff ersparen.
Das Thema ist zu kompliziert, als dass man es einer emotionalen Diskussion überlassen dürfte. Fleischverbrauch muss die Umwelt nicht schädigen, wie es oft jene behaupten, die im warmen Nest des Reichtums sitzen und selbst als Vegetarier auf die edelsten Eiweiße Rückgriff nehmen können. Den ärmeren Teilen der Erde und ihren Menschen ist damit nicht gedient.





