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Haltung, bitte!

Durch die Blume

Aus: Ausgabe 36/2012

„Unsere Vermieterin hat mich gebeten, während des vierwöchigen Urlaubs ihre Blumen zu gießen. Ich habe mir echt Mühe gegeben, aber leider sind mehrere Pflanzen eingegangen. In wenigen Tagen kommt sie zurück. Meine Mitbewohnerin meint, wir sollten die Blumen heimlich austauschen. Soll ich?“ Suse B., Osnabrück

Da sage noch mal einer, Gutes zu tun würde stets zu Hochgefühlen verhelfen. Mancher Liebesdienst führt dazu, dass danach die Köpfe hängen, die der Pflanzen und die derjenigen, die sie pflegen wollten. Was als einfache Nachbarschaftshilfe selbstverständlich ist, entpuppt sich schnell als kleines Debakel. Mit den Pflanzen fremder Leute ist es leider so wie mit Menschen, die man neu kennenlernt. Ihre Empfindlichkeiten kommen oft erst ans Tageslicht, wenn es schon zu spät ist. Ein wenig zu viel des Guten, und schon färben sich die grünen Blätter braun, seltsame Käfer kommen zu Besuch, und die Blütenpracht liegt auf dem Terrassenboden.

Hat Ihre Vermieterin Ihnen im Detail erklärt, welche Art der Zuwendung ihre Pflanzen brauchen? Oder hat sie Ihnen einfach nur den Wohnungsschlüssel gegeben? Haben Sie Ihre Gießpflichten bei 30 Grad im Schatten mal ein paar Tage vernachlässigt, oder ist die Orchideenzucht komplizierte Pflegerituale gewöhnt? Natürlich könnten Sie versuchen, die traurige Flora durch pralle neue Pflanzen aus dem Gartencenter zu ersetzen. Aber glauben Sie doch nicht, dass Ihre Vermieterin die Tauschaktion nicht bemerkt! Das ist auch schon bei Hamstern, Goldfischen und Katzen schiefgegangen. Die Besitzer der eingegangenen oder entlaufenen Wesen fühlen sich zu Recht hintergangen.

Lieber gleich Farbe bekennen! Vielleicht hilft ja ein großer Blumenstrauß als Willkommensgruß für die Vermieterin über den ersten Schreck hinweg. Seien Sie ruhig ein wenig kleinlaut und geben Sie nicht dem Wetter, den Pflanzen oder der Weltlage die Schuld. Mag sein, dass die Dame ein wenig ärgerlich ist. Aber Sie hat Ihnen ihre Pflanzen anvertraut und muss deshalb auch mit dem Risiko leben, dass die grüne Pracht unter den fremden Händen leidet. Sagen Sie ihr doch ganz ehrlich, dass Sie leider nicht so einen grünen Daumen wie sie haben, in Sachen Blumenpflege noch so manches von ihr lernen wollen, und bitten Sie sie dann, Ihnen in Zukunft andere Nachbarschaftsdienste anzutragen.

Erschienen in:
Ausgabe 36/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch