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Haltung, bitte!

Dreißig Paar Schuhe?

Aus: Ausgabe 35/2012

„Ein Bekannter von mir hat mich vor Kurzem besucht. Als er meinen Schuhschrank sah, meinte er entrüstet, 30 Paar Schuhe zu besitzen sei unmoralisch. Wie sehen Sie das?“ Donata H., Calw

Für Männer scheint die Sache klar zu sein: ein Paar schwarze, ein Paar braune, ein Paar Sportschuhe. Leider haben Männer auch keine orange Hosen, keine grün getupften Kleider, keine variierenden Absatzhöhen und keinen Sinn für die kleinen Unterschiede zwischen Rostbraun, Schokobraun und Hellbraun. Doch deshalb gleich die Moralkeule schwingen? Zurückgefragt: Ist es unmoralisch, 100 CDs, 2000 Bücher, sieben Füllhalter oder vier verschiedene Bohrmaschinen zu besitzen? Braucht man ein Auto mit 120 PS, um zur Arbeit und zurück zu fahren, oder wäre nicht die Bus-Monatskarte die verantwortlichere Wahl für Umwelt und Geldbeutel? Vielleicht fragt Ihr Bekannter nach dem rechten Maß. Dann ist ihm der Gesprächseinstieg allerdings nicht besonders gelungen.

Es wäre keine schlechte Idee, manchmal zu fragen, was wir brauchen, um glücklich zu sein. Warum kaufen wir, was wir kaufen? Müssen es die schicken Stiefeletten sein, weil die Chefin im Büro heute mal wieder übellaunig war? Wann können wir Verschwendung und Überfluss dankbar genießen und wann stopfen wir unsere Regale, Schränke und Keller mit Dingen voll, weil wir uns nach etwas sehnen, was für Geld nicht zu haben ist? Maß zu halten ist keine Frage von Prinzipien, schon gar nicht der Prinzipien anderer, die in der Regel ihre eigenen Verschwendungslaster haben. Maß zu halten ist ein Balanceakt, bei dem es Übung braucht, ein gewisses Maß an Selbstdistanz, dann und wann auch gute Freunde, die freundlich fragen: War das nötig?

Eine nach außen getragene Moral, die an Zahlen orientiert ist, verfehlt das Problem. Wenn Sie Ihren Bekannten das nächste Mal treffen, können Sie schnippisch zurückfragen: „Sind drei Fahrräder/ein vierter Computer/ein Flug nach Stockholm/der Nachtisch im Restaurant unmoralisch?“ Oder Sie verwickeln ihn in ein Gespräch über den eigenen Lebensstil, über Bequemlichkeit und gute Vorsätze, über Verzicht, Genuss, des Lebens Fülle und die Konsequenzen des eigenen Konsums für andere.

Erschienen in:
Ausgabe 35/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Lebensstil