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Fragen an Thomas Parth

„Diese Frömmigkeit ist vorbei“

Aus: Ausgabe 50/2011

Der Tiroler Künstler über Jungfräulichkeit, die Poesie der Heiligen und seine buddhistische Annäherung ans Katholische.

Thomas Parth hat Theologie und Germanistik studiert. Er verlegt und schreibt ungewöhnliche Bücher. © Andreas Fischer

Christ & Welt: „Ein Erbauungsbuch“ haben Sie Ihr Werk genannt. Das
meinen Sie doch nicht ernst, oder?
Thomas Parth: Warum nicht?

C & W: Weil niemand mehr zugibt, bloß Erbauliches zu veröffentlichen.
Wenn überhaupt, dann nennt man das Spiritualität.
Parth: Schon richtig. Erbauung hat etwas Altes, Vergessenes. Meine Bilder – die Heiligenfiguren, das Inventar der Tiroler Kapellen – haben einen poetischen Reiz. Aber ich zeige auch, dass diese Sprache nicht mehr die religiösen Bedürfnisse der Menschen heute trifft. Diese Volksfrömmigkeit ist vorbei.

C & W: Was geht verloren ohne Volksfrömmigkeit?
Parth: Ganz profan: Wir verstehen einen großen Teil unserer Kultur nicht mehr, wenn religiöse Anspielungen ins Leere gehen, weil das Wissen fehlt. Weniger profan: Es geht in der Kirche das Bemühen verloren, vom Volk verstanden zu werden. Man kann natürlich zur alten Volksfrömmigkeit nicht zurück. Wunderglauben, Höllenangst, Heiligenlegenden – das entspricht heutigen Menschen nicht mehr. Aber ich bedaure, dass man keinen glaubwürdigen Ersatz dafür findet. Nehmen Sie das Bild der Reinheit, der Jungfräulichkeit. Ein ganz wichtiges Motiv für die Volksfrömmigkeit. Heute wird nicht mehr die Jungfrau als Sinnbild der Reinheit gezeigt, sondern irgendein weißes Blütenblatt auf der Wiese.

C & W: Sie vermissen zeitgenössische Madonnen?
Parth: Als Fotograf schon, ja. Aber ich sehne mich natürlich nicht in die Zeit zurück, als die katholische Kirche das Land im Griff hatte. Ich kenne aus vielen Gesprächen mit alten Menschen die Nebenwirkungen: die Einschüchterung, die Angst. Es ist ja mitnichten so, dass Leute nur aus edlen Motiven Kapellen errichtet und Heiligenfiguren aufgestellt haben. Es gab auch den Wettbewerb um die prächtigste Kapelle und die teuerste Schnitzkunst.

C & W: Aber kirchenkritisch wirkt Ihr Buch weiß Gott nicht.
Parth: Nein, ich wollte nicht die religiösen Gefühle von Menschen verletzen, die diesem alten Katholizismus treu bleiben. Ich beschreibe in den Texten zu den Bildern die katholische Religion so, wie man gemeinhin den Buddhismus beschreibt. Respektvoll, naiv, erklärend, aber nicht verstörend.

C & W: Haben die Kapellenbesitzer Sie gern reingelassen?
Parth: Die meisten schon. Eine sehr alte Dame sagte mir: „Da könnte ja jeder kommen“, aber dann ist sie doch den steilen Hang zur Kapelle raufgegangen und sogar wieder runter und noch einmal rauf, weil sie den Schlüssel vergessen hatte. Meine Bilder sind nicht arrangiert, ich habe nichts verrückt, jede Kerze habe ich an ihrem Platz gelassen. Ich habe, wenn Sie so wollen, volkstümlich fotografiert. Nur vorher habe ich mir wahrscheinlich mehr Gedanken gemacht als der übliche Besucher. Ich bin wie ein Sammler an die Sache herangegangen. Ich habe Heiligenfiguren, Wegkreuze, Votivtafeln, Bildstöcke, Herrgottswinkel gesammelt.

C & W: Wird der Sammler vor allem dort fündig, wo der Himmel nah ist, also in den Bergdörfern? Oder hätten Sie auch am Niederrhein fotografieren können?
Parth: Darüber habe ich nie nachgedacht. Es gibt diese besonders bilderreiche alpenländische Frömmigkeit. Vergleichbare Motive hätte ich auch in Bayern finden können, aber in Tirol kenne ich mich halt besser aus.

C & W: Warum empfinden Sie die Motive als eine Bildsprache von gestern?
Parth: Weil wir mit anderen Bildern überschüttet werden. Nehmen Sie die Darstellung des leidenden Heilands am Kreuz. Wenn Sie das mit einem Kriegsfoto vergleichen, mit dem Bild eines echten leidenden Menschen von heute, wirkt das Leiden des Gekreuzigten fast harmlos. Und weit weg. Auch da hat man keine neue Sprache gefunden. Wegkreuze zum Beispiel sind heute noch in Tirol beliebt. Aber sie werden, auch wenn sie neu sind, meistens barock gestaltet.

C & W: Hängt in Ihrem Haus ein Kreuz?
Parth: Meine Eltern haben mir eines geschenkt. Es war ihnen sehr wichtig, dass ich eines habe. Ich habe den Korpus aufgehängt, das Kreuz selbst nicht.

C & W: Das ist ungewöhnlich. Man sieht eher das Kreuz ohne Korpus als umgekehrt.
Parth: Ja, mein Glaube ist vielleicht auch ungewöhnlich. Ich bin ein religiöser Mensch, und bin davon überzeugt, dass der Mensch über den Tod hinaus für sein Leben verantwortlich ist. Dogmatisch gläubig zu sein ist mir aber nicht möglich.

C & W: Heilige machen Gott so schön handhabbar. Haben Sie einen Lieblingsheiligen?
Parth: Mir sind fast alle lieb. Nur den Nepomuk, den mag ich nicht, der war so ein politischer Heiliger. Optisch ist der heilige Florian besonders reizvoll, der steht immer so unmotiviert neben brennenden Häusern und ist doch der liebste Heilige der Feuerwehren.

C & W: „Gott sieht alles“, behauptet Ihr Titel. Ist das Drohung oder
Verheißung?
Parth: Das findet man in Tirol oft an Türrahmen, und es war als Drohung gemeint. Auch in finsterer Nacht entgeht ihm nichts. Heute klingt es für mich eher wie ein Versprechen. Wenn es ihn gibt und er alles sieht, wird wohl auch alles ein Ziel haben.

Das Gespräch führte Christiane Florin.
Zum Weiterlesen: Gott sieht alles im heiligen Land Tirol. Ein Erbauungsbuch von Thomas Parth. Editiones, Innsbruck 2011. 432 Seiten, 34 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Spiritualität