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Sexueller Missbrauch

Die Zahlungsmoralanstalt

Aus: Ausgabe 01/2012

Als einzige große Institution stellt sich die katholische Kirche dem Thema Missbrauch. Doch warum sollen die Opfer nur 5000 Euro bekommen? Im internationalen Vergleich ist das wenig

Alexa Bente/foto-begsteiger/vario images

Fünftausend Euro zahlen die deutschen Bistümer und Orden den Opfern von sexueller Gewalt in ihren Mauern. Das Geld soll keine Entschädigung sein. Darauf legt Thomas Busch, der Pressesprecher der Jesuiten, Wert. Es drücke eine Anerkennung ihres Leidens aus. Die Zahlung sei eine symbolische Geste. Fünftausend, das ist so wenig wie in keinem anderen Land in Europa. In Irland erhalten Opfer im Schnitt 60 000 Euro, in Österreich zwischen 5000 und 25 000, je nach Schwere des Falles. Ist deutsches Leiden billig? Sind 5000 Euro im Vergleich angemessen? „Da handelt es sich um unterschiedliche Kulturen“, sagt Thomas Busch. Die Entschädigung hat sich nach der für Holocaust-Überlebende gerichtet. Es schien undenkbar, dass es für sexuelle Gewalt einen höheren Betrag geben sollte.

Bald frisst sich der Schwelbrand des Missbrauchs zwei Jahre lang durchs Haus der katholischen Kirche. Und flackert immer wieder auf. Nach wie vor kommen neue Fälle ans Licht. Zwei Tage vor Heiligabend räumte ausgerechnet der Missbrauchsbeauftragte der Kirche, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, schwere Versäumnisse ein: „Unsere Kontroll- und Aufsichtsmechanismen haben nicht so gegriffen, wie sie hätten greifen müssen.“ Ein Priester in seinem Bistum, der schon eingestanden hatte, sich an Heranwachsenden vergriffen zu haben, wurde nicht beurlaubt, sondern konnte einen Kindergarten eröffnen und Messen feiern. Und der Leiter einer Messdienergruppe, selber ein Missbrauchsopfer, kam zum zweiten Mal wegen Missbrauchs vor Gericht. Erst nach einer Woche gab Ackermann eine Erklärung ab. Für Rückfragen war er bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Jenseits der Grenze, in den Niederlanden, liegt die katholische Kirche in Schockstarre: Ein Missbrauchsbericht des früheren Parlamentspräsidenten Wim Deetman befürchtet bis zu 20 000 Missbrauchsopfer. 105 der vermutlich 800 Täter leben noch.

Die Päpstliche Universität Gregoriana lädt im Februar zu einem Missbrauchskongress ein. Die Themen sind nicht bekannt. Zwei Fragen sind unbeantwortet: die nach der Zahlung an die Opfer. Und die nach dem Umgang der Kirche mit Priestern, die sich an Jungen oder Mädchen vergriffen haben. Kritiker befürchten, dass sie die Täter nur abschiebt, um selber sauber dazustehen. Das schützt die Kirche, aber gefährdet Kinder und Heranwachsende.

Seit März 2011, als die Kirche in Deutschland ihr Entschädigungsangebot unterbreitete, haben 922 Menschen über die Missbrauchsbeauftragten der Bistümer ihren Antrag an die Zentrale Koordinierungskommission geschickt, berichtet Matthias Kopp, der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. 18-mal hat sie seither getagt, 920 Fälle begutachtet und mit einer Empfehlung an die Bistümer geschickt. Dort wird entschieden. Die Kommission jedenfalls hat schnell gearbeitet. Bei den Jesuiten sind 200 Opfer bekannt. Nicht alle haben Geld beantragt. So hat es der Orden erwartet. Er hat eine Million Euro dafür ausgegeben, eine Summe, die ihm wehtut.

Ist der Betrag zu niedrig? Er relativiert sich, weil die Zahlung im Einzelfall steigen kann. Behandlungskosten trägt meist die Krankenkasse. Das ist in anderen Ländern nicht der Fall. In Irland müssen daher die 60?000 Euro auch die Therapie abdecken. Das Geld kommt dort vom Staat und von der Kirche. In Deutschland war die katholische Kirche der erste Partner am Runden Tisch Missbrauch, der überhaupt ein Angebot unterbreitet hat. Und bis heute ist sie die einzige Organisation mit einem geordneten Verfahren. In seiner Schlusserklärung vom 30.?November hat der Runde Tisch vorgeschlagen, dass alle Beteiligten gemeinsam solche Therapiekosten finanzieren, die keine Krankenkasse trägt. Auch dabei will die katholische Kirche mitmachen. Und sie will sich anschließen, wenn gemeinsame Verfahrensstandards entwickelt werden.

Wer den Antrag ausfüllt, bekommt ein Merkblatt, in dem er über die Bedingungen der Zahlung genau aufgeklärt wird. Es gibt sie „in den Fällen, in denen Opfer sexuellen Missbrauchs eine materielle Leistung in Anerkennung des Leids wünschen und wegen der eingetretenen Verjährung kein durchsetzbarer Anspruch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld besteht“. Das Geld soll, sagt das Merkblatt, vom Täter erbracht werden. Die Kirche springt nur stellvertretend ein, „sofern der Täter nicht mehr belangt werden kann, nicht freiwillig leistet oder nicht leisten kann“. Mutter Kirche schämt sich fremd.

Was unternimmt sie mit den Tätern, außer dass sie sie verantwortlich macht? Sie verschwinden in aller Regel von der Bildfläche. Bekommen ein kirchliches Verfahren und werden vom aktiven Dienst suspendiert, wenn sie noch nicht im Ruhestand sind. Es gibt keine Verwendung mehr für sie. Joseph Lente, der Täter, der in Christ & Welt zu Wort kam (Nr. 29/2011), erlebte, dass seine Kirche ihn aus dem Priesterdienst entfernte, aber ihm ein Ruhegehalt bezahlte. Er fand es freundlich, dass sie ihn nicht ganz fallen ließ. Doch sie hat es auch deshalb getan, weil sie bei einer Entlassung Hunderttausende Euro an Sozialversicherung hätte nachzahlen müssen. Eine Therapie begann er auf eigene Initiative. Niemand aus seiner Kirche hat ihn darauf hingewiesen oder sogar dazu gedrängt.

Das erlebt auch Helga Peteler. In der Sprechstunde der Psychotherapeutin aus Neuss sitzen Täter und Opfer. Sie legt Wert darauf, dass die Kirche sich um ihre Priester kümmert, sie bei der Therapie begleitet. Sie brauchen eine Bezugsperson, weil sie keine Familie haben, kein soziales Umfeld, das ihnen hilft und sie kontrolliert. „Da muss jemand aus dem Personalreferat mitmachen, er muss hinhören und dabei sein, die Kirche muss sich um die Täter kümmern“, sagt sie.

Als der Jesuitenpater Klaus Mertes in Berlin den Missbrauchsskandal im Januar 2010 an die Öffentlichkeit brachte, waren Personalreferate dazu bereit, einen Verantwortlichen mit in die Therapie zu schicken. Inzwischen bekommt Helga Peteler Absagen. Zu wenig Leute. Sie hält das für vorgeschoben. Und stößt auf eine Wand der Nichtinformation: „Ich bekomme immer weniger Einblick, wie die Kirche mit dem Problem umgehen will.“

Wenn rechtlich nichts zu wollen sei, „geschieht nichts, gar nichts“. Bei ihr hätten Priester gesessen, die über ihre Vergehen reden wollten. Niemand in der Kirche interessiere sich dafür. Weil sie das erlebt, ist sie überzeugt, dass auch die Mehrheit der Opfer noch schweigt. Diejenigen, die sich melden, wollen nach ihrer Erfahrung ebenfalls erst über das Unrecht sprechen, das sie verletzt hat. Geld spiele kaum eine Rolle: „Mir haben Leute gesagt: Wir sind keine Huren, wir wollen nicht bezahlt werden.“

Die Kirche setzt auf Prävention. Priesteramtskandidaten sollen im Blick auf ihre sexuelle Reife und Persönlichkeitsentwicklung geprüft werden. Sie werden durch den psychologischen Nacktscanner geschoben. Doch nur ein Viertel der Täter, sagen bisherige Untersuchungen, sind psychisch krank. Bei der Mehrheit handelt es sich um Gelegenheitstäter und um einen spontanen oder systematischen Missbrauch von Macht.

Prävention sei gut, aber löse das Problem nicht, sagt Helga Peteler und regt sich auf über die katholische Kirche, ihre Kirche, der sie sich verbunden fühlt: „Natürlich eignet sich das geschlossene katholische System besonders gut dafür, dass man mit dem Finger darauf zeigt.“ Und sie hält an ihrer Vision fest, sagt sie, auch wenn sie dafür schon bemitleidet wird: „Ich möchte, dass die katholische Kirche beim Kampf gegen den Missbrauch eine Vorreiterrolle spielt.“

Erschienen in:
Ausgabe 01/2012
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Ethik, Sexualität