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Haltung, bitte!

Die Teflon-Falle

Aus: Ausgabe 09/2012

„Wie kommt es, dass Politiker, die offenkundig grobe Fehler machen und sogar das Gesetz brechen, in der Öffentlichkeit über ihre verletzten Gefühle reden? Wäre Reue nicht angebrachter als Selbstmitleid?“ Siggi P., Köln

„Wer die Wahrheit sagt und Fehler eingesteht, dem begegnet man mit Großzügigkeit“, hat ein weiser Mann einmal gesagt. Der Umkehrschluss gilt genauso. Wer die Wahrheit verschweigt, wer sie halbiert oder in Scheiben schneidet, von dem wenden sich die Leute ab, wenn sie ihm auf die Schliche gekommen sind. Für diese Einsicht braucht man keine Geschichte der erzwungenen Rücktritte zu lesen. Das lehrt das normale Leben. Wer Fehler eingesteht, Versagen zugibt und Rechtsbrüche nicht vertuschen will, verliert vielleicht ein Amt, er verliert aber nicht das Gesicht. Deshalb ist es verwunderlich, dass statt Einsicht und Scham verletzter Stolz und Schuldzuweisungen die meisten Abschiedsreden bestimmen.

Aber für die Wahrheit braucht es Mut und eine innere Freiheit, die in öffentlichen Ämtern leicht abhandenkommen kann. Vielleicht, weil die, die sie ausfüllen, nur mit blank polierter Oberfläche gefallen, in der sich die spiegeln können, die sie auf Schritt und Tritt beobachten. So wächst eine Schutzschicht, so glatt wie Teflon und so elastisch wie Neopren. Da perlt alles ab. Was als Schutz für eine steile Karriere im Politikbetrieb nötig ist, wird manchmal zur Falle. Da geht irgendwann nämlich nichts mehr wirklich unter die Haut. Die Welt ist irgendwo da draußen. Hinter dem Panzer wird alles zur Bedrohung des Bildes, das man sich von sich selbst gemacht hat. Selbstmitleid ist nur die Kehrseite von dieser Überheblichkeit. Die Gegenmittel sind ziemlich altmodisch. Charakter, Demut und die Fähigkeit zur Freundschaft, Menschen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und sich von den Immunisierungsstrategien genauso wenig beeindrucken lassen wie von dunklen Limousinen oder Visitenkarten mit Goldprägung. Wegbegleiter, die einem die Wahrheit um die Ohren hauen, aber einen auch dann in den Arm nehmen, wenn nichts mehr zu retten ist. Vielleicht wirken die im Zeitraffer gealterten Gesichter derer, die zum Offenbarungseid gezwungen werden, deshalb so einsam. Echte Freunde sind selten.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine