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Haltung, bitte!

Die Riesling-Passion

Aus: Ausgabe 16/2012

Mein Mann und ich stellen fest, dass immer häufiger die großen Passionen von Johann Sebastian Bach auf Sommerfestivals aufgeführt werden und die Adventskantaten im Frühjahr. Was halten Sie davon? G. Feltbusch, Frankfurt am Mai

Da Lebkuchen und Schokoladenmänner schon ab August in den Geschäften aufgetürmt werden, ist es nur konsequent, dass zur gleichen Zeit auch schon mal die Weihnachtskantaten erklingen. Die großen Passionsmusiken des Abendlandes auf einem Sommerfestival zu kühlem Riesling und rückenfreiem Sommerkleid? Das ist eine Entwicklung, die zeigt, dass auch der Kulturbetrieb seltsam kulturlos agiert, wenn es darum geht, die Wünsche des Publikums zu erfüllen. Oder werden diese Wünsche so überhaupt erst erzeugt? Alles zu jeder Zeit, wann immer einem der Sinn danach steht, auch die kunstreligiöse Erbauung, die bei Hitzegewittern das schaurig Erhabene von „O Haupt voll Blut und Wunden“ hervorruft?

In dem Maße, wie das Kirchenjahr seine selbstverständliche Orientierung im Jahreszyklus verliert, verlieren auch die großen Stationen der christlichen Heilsgeschichte an Sinn. Das bürgerliche Milieu ist von dieser Amnesie genauso befallen wie die, die an Karfreitag für jeden Rummel zu haben sind. Das fördert die restlose Kommerzialisierung geistlicher Musik. Nun gebe ich freimütig zu, dass ich die Matthäuspassion auch im Sommer höre. Ich höre sie zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen. Hundertprozentige Kirchenjahrstreue ist für meine privaten Hörgewohnheiten nichts. Warum soll das für andere anders sein? So geht allerdings nicht nur der Sinn für den großen Horizont des christlichen Heilsgeschehens verloren, wir verlieren auch ganz profan den Sinn für die Geschichtlichkeit des Lebens, für Abfolgen, Spannungsbögen und Zeitrhythmen.  Im Grunde zahlen wir einen hohen Preis für die Mentalität des Immer-alles-wann-immer-wirWollen. Wir vergessen die Erfahrung des Wartenkönnens und leiden an – nun auch hochkultureller – Verfettung. Die macht bekanntlich bewegungslos und irgendwann auch krank. Also doch kein Weihnachtsoratorium im August. An den Lebkuchenpackungen gehen wir doch schließlich auch vorbei. Oder etwa nicht?

Erschienen in:
Ausgabe 16/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur