Frauen in Libyen
Die Revolution entlässt ihre Töchter
Aus: Ausgabe 49/2011
Die Vorkämpferinnen für politische Freiheit sind enttäuscht. Ihre Rechte drohen in den nachrevolutionären Gesellschaften auf der Strecke zu bleiben.

Fatma Ghandour schüttelt empört den Kopf. „Nein, das stimmt absolut nicht!“ Nein, die Revolution in Libyen sei keineswegs weniger weiblich gewesen als der Aufstand in den benachbarten arabischen Nachbarländern Tunesien und Ägypten oder dem Jemen: Während dort der Protest der Jugend weitgehend friedlich war und Frauen bei den Massendemonstrationen zum Teil sogar eine führende Rolle spielten, kippte der Protest in Libyen schnell in einen bewaffneten Kampf, eine Sache der Männer.
„Aber es waren doch Mütter, welche die Jugendlichen auf die Straße zum Demonstrieren und Kämpfen schickten und die Toten beweinten. Sie waren der Motor der Revolution!“, sagt die bekannte Journalistin und Bloggerin aus Tripolis. Sie trägt die Haare kurz geschnitten und enge Jeans zu einer knallpink Bluse. Angepasst ist anders, und das merkt man auch, wenn man ihre Facebook-Seite besucht. Dort hat sie neulich angekündigt, dass sie für die libysche Präsidentschaft kandidieren will. „Natürlich geht das. Ich glaube nicht daran, dass in Libyen Islamisten großen Einfluss bekommen, die Frauen daran hindern könnten, eine Rolle in der Politik zu spielen“, sagt sie.
Die 41-Jährige steht mit ihrem Optimismus derzeit alleine. Die Ankündigungen des neuen Premierministers in Tripolis deuten darauf hin, dass der Islam eine größere Rolle in der Politik des Landes spielen wird. Nach dem Verfassungsentwurf, den der Übergangsrat im Sommer verabschiedete, soll der Islam Staatsreligion und Hauptquelle der Gesetzgebung werden. Es gibt zwar auch islamische Gelehrte, die Frauen das Präsidentenamt zutrauen, aber sie sind eine Minderheit.
Ghandour hat Hoffnung. „Die Libyer sind ein religiöses Volk, aber zugleich sind wir sehr moderat im Glauben“, sagt sie. Dies würde auch eine Rolle spielen, wenn es etwa um Polygamie geht. Nach dem Tod von Oberst Muammar al-Gaddafi kündigte der Übergangsrat an, dass in Zukunft libysche Männer wieder bis zu vier Frauen heiraten dürften. Libyen war bis zur Revolution eines der wenigen arabischen Länder, die Polygamie verboten. Sonst ist die Mehrehe fast überall erlaubt, verbreitet ist sie jedoch nur in den konservativen Golfstaaten. Viele moderate Muslime sehen die Erlaubnis, mehrere Frauen zu heiraten, als Gleichnis an: Gott gewährt ihnen das Recht, mehrere Frauen zu heiraten, wenn sie in der Lage sind, sie gerecht zu behandeln. Da hierzu kaum ein Sterblicher in der Lage ist, heiraten sie nur eine Frau.
Tatsächlich begrüßen viele Libyer das Ende der Regierung Gaddafi auch als religiöse Befreiung. Gaddafi hat den Islam für seine Zwecke vereinnahmt. So änderte er sogar die islamische Zeitrechnung und führte seinen eigenen Kalender ein. Viele Libyer wünschen sich für die Zukunft einen wirklich gläubigen Muslim an die Spitze des Staates, weil sie hoffen, Gottesfurcht schütze gegen Korruption und Diktatur. Nach dem Motto: Ein wahrer Muslim kann nichts Unrechtes tun.
Allerdings hat die Revolution in Libyen nun auch gerade jene islamischen Kräfte gestärkt, die nicht auf diesem eher moderaten Weg sind. Radikale islamische Gruppen haben im erbitterten Kampf gegen die Gaddafi-Truppen eine wichtige Rolle gespielt. So führte Abdelhakim Belhadsch die Rebellentruppen bei der Eroberung der Hauptstadt Tripolis an. Er gehört zu einer sehr rigiden islamischen Organisation, und sicherlich werden diese Kräfte ihren opferreichen Kampf im postrevolutionären Libyen in ein entsprechendes Mitspracherecht umzumünzen wissen.
Es sieht also nicht so gut aus für Fatma Ghandour und ihre kühnen Pläne, demnächst Präsidentin von Libyen zu werden. Auch in den anderen Ländern des Arabischen Frühlings drohen die Frauen immer mehr ins politische Abseits zu geraten. Spielten sie in Ägypten auf dem berühmten Tahrir-Platz noch eine große Rolle, saßen in der vorige Woche zurückgetretenen Regierung bereits weniger Frauen als unter Mubarak. Bei den am 28.?November begonnenen Parlamentswahlen gibt es zwar weiterhin eine Frauenquote, allerdings ist diese nicht mehr so streng wie zuvor.
Auch was die allgemeinen Rechte von Frauen angeht, sieht es nicht gut aus. Die bekannte Menschenrechtlerin und Vorkämpferin Alia Dawoud beschreibt die Bestrebungen konservativer Männer, das relativ fortschrittliche ägyptische Personenstandsgesetz zu verändern und den Frauen beispielsweise das Recht, von sich aus die Scheidung einzureichen, wieder zu nehmen.
Als Grund sieht sie nicht nur den zunehmenden Einfluss von islamischen Gruppierungen, sondern auch die Art, wie die Frauenrechte während der Diktatur eingeführt wurden. Sie wurden von der Regierung erlassen. Nicht ohne Grund tragen sie den Namen „Suzanne-Mubarak-Rechte“. „Das führte dazu, dass die Menschen sich bevormundet fühlten“, so Dawoud. Es sei daher kein Wunder, „dass diese Männer jetzt die Gelegenheit ergreifen, sich auf diesem Umweg ihre Rechte wieder zu holen“.
Allerdings hat die Revolution in der arabischen Welt nicht nur die Regierungen gestürzt: Die Massenproteste haben auch die Gesellschaften aufgerüttelt. Millionen von Töchtern haben mit ihren Eltern gestritten, weil auch sie demonstrieren gehen wollten, und viele von ihnen haben sich durchgesetzt. Dass Frauen und Männer gemeinsam protestieren, ist in Ägypten keine Selbstverständlichkeit, dass sie nebeneinander auf dem Tahrir-Platz übernachten, diese Vorstellung ist vielen konservativen Ägyptern ein Gräuel.
Und erst im Jemen! Auch dort spielen Frauen eine wichtige Rolle, der Aufstand wurde sogar maßgeblich von einer Frau organisiert und angeführt. Die jemenitische Politikerin Tawakul Karman, Mitglied der Oppositionspartei Al-Islah, gilt als eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Protestbewegung. Die Tochter des ehemaligen Justizministers Abdul-Salam Karman organisierte mit Massen-SMS und regelmäßigen Kundgebungen vor dem Präsidentenpalast über Jahre hinweg den Widerstand. Außerdem irritierte sie das Regime mit Forderungen wie der Abschaffung des traditionellen Gesichtsschleiers. Im Oktober erhielt sie für ihr Engagement den Friedensnobelpreis. Der Aufstand der Mädchen in den Familien wird die arabische Welt mindestens so verändern wie die Demos auf der Straße. Es steht zu hoffen, dass die Aktivistinnen der Revolution sich ihr neues Selbstbewusstsein bewahren und ihre Rechte verteidigen.
Julia Gerlach lebt seit 2008 als Korrespondentin für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau in Kairo. Soeben ist ihr Buch „Wir wollen Freiheit!“ über die Arabische Revolution im Herder Verlag erschienen (200 Seiten, 16,95 Euro).





