Fotoessay: Sterben
Die letzten Jahre der Maragarete M.
Aus: Ausgabe 34/2012
Mit den Menschen altern die Dinge. Fünf Jahre lang hat Knut Wolfgang Maron seine Mutter fotografiert. Seine Aufnahmen zeigen das Leben einer Frau, die bis zu ihrem Tod ihre Würde wahrte.

Der Tod geht um in Deutschland, alle reden von ihm, tagein, tagaus. Ein Sterbehilfegesetz wird den Umgang mit dem Abschied regeln, Kommissionen, Kontrolleure und Bürokraten sollen den Handel mit Organen überwachen, und Millionen von Nordic Walkern, Kraftsportlern und Joggern versuchen, „fit“ zu bleiben, damit das Ende später kommt. Wer kann, wer darf länger leben, wer nicht? Und wie sollen, wie wollen, wie dürfen wir sterben? Der Skandal der Vergänglichkeit bleibt bestehen, für jeden.
Margarete Maron wurde 1920 geboren. Als Knut Wolfgang Maron seine Mutter 1997 mit einer Augenklappe aufnahm, ahnte er nicht, dass mit diesem Bild eine Arbeit begann, die ihn bis heute, 15 Jahre lang, beschäftigen sollte. Maron ist Fotograf, er lehrt an der Hochschule Wismar, er lebt in Berlin und Essen; gemeinsam mit seiner Schwester begleitete er seine Mutter in ihren letzten Jahren und fing an, sie im Haus der Familie in Bonn-Oberkassel zu fotografieren. Mit ihrem eigenen Witz lobte Margarete Maron die ersten Aufnahmen, auch wenn sie fand: „Da seh ich ja aus wie ein Hutzelweiblein.“ Ihre Lage war ihr klar; das Alter überlebt auf Dauer niemand.
2002 starb Margarete Maron. „Ein Leben“ hat Knut Wolfgang Maron den Bilderzyklus über seine Mutter genannt. Maron sucht dieses Leben im Gesicht der alten Frau, in ihrer Haltung, ihren Kleidern, er findet es in den Dingen, mit denen sie ihren Alltag verbrachte, mit denen sie arbeitete, die sie brauchte – Heizdecken und andere Geräte, die heute viele nicht mehr kennen, Möbel, auf denen Jahre des Gebrauchs ihre Schrift hinterlassen haben, rätselhafte, funktionsfreie Gegenstände, Dinge als Container der Erinnerung, als Kassiber aus einer verlorenen Zeit. Marons Fotografie nimmt diese Sachen aus ihrem Zusammenhang und verleiht ihnen dadurch eine eigene künstlerische Aura; manche wirken wie Assemblagen, andere wie surreale Arrangements.
In einer Schale mit Sand liegt ein mumifizierter Frosch, von einem Schrank blickt ein hölzerner Kopf in die Weite, auf einem grob gezimmerten Bord stehen zwei Gläser mit Einweckobst, das eine voll, das andere fast leer, eine Plastikdose beherbergt getrocknete Blumen, bunte Kugeln, vielleicht Haarschmuck – ein Safe für Erinnerungen, fragil wie die Kunst, der sich Maron verschrieben hat.
Seit ihren Anfängen dient die Fotografie als Container-Medium der Memoria. Weil sie die Zeit zu negieren scheint, hilft sie dem Gedächtnis; in einem doppelten Sinne hebt sie auf, was sie ergreift: Anlässe der Erinnerung werden bewahrt, der festgehaltene Moment tritt an die Stelle der vergangenen Wirklichkeit. Für „Ein Leben“ hat Maron seine analogen Fotos auf 60 mal 90 Zentimeter vergrößert. Die meisten Bilder zeigt er als Diptychen. Neben den Menschen tritt sein Ding, zwei Gegenstände kommentieren einander. Der Mensch altert mit seinen Sachen, und die Sachen altern durch ihn.
Auch nach dem Tod der Mutter arbeitete Maron weiter; 30 Monate lang fotografierte er in dem verlassenen Haus der Familie, um einzufangen und festzuhalten, was seine Mutter gesehen, berührt, benutzt hatte. Maron machte diese Bilder in einer doppelten Rolle, als Sohn und als Fotograf. Ist die Kamera ein Werkzeug der Trauerarbeit? Man könne noch so viel fotografieren, sagt Maron, das Leben selber sei durch Bilder nicht zu fassen.
Stattdessen entsteht etwas Neues. Durch die geriffelte Scheibe in einer Tür sind weiße Jacken und ein rötlicher Schal zu sehen. Was genau ist das? Wozu dient es, wann und zu welchem Anlass wurde was getragen? Die Fotografie rückt die Dinge näher; zugleich schafft sie Distanz. Sie macht den Blick selber zum Thema. Was ist zu sehen? Niemand kann mehr die Tür öffnen und nachschauen, was sich dort zeigt, da, hinter der Scheibe. Erst die Fotografie gibt den Dingen diese Vergeblichkeit bei; auch an dieses Neue wird man sich eines Tages erinnern können. Vielleicht.
Gibt es ein richtiges Sterben? Während auf Syriens Straßen Tausende erschossen werden und in Afrika Hunderttausende schutzlos verhungern, stirbt man bei uns im Krankenhaus oder Altenheim. Sehr viele sind dabei alleine, zu viele können nicht bestimmen, wie sie ihren letzten Weg gehen. Der Tod ist die Basis der Religionen, es lässt sich nicht so leicht reden über ihn. Aber die Inbrunst, mit der über die Gesetze und Regeln des Todes gestritten wird, zeigt, wie nahe er ist. Vom Tod leben viele, er nährt eine riesige Industrie. Milliarden werden umgesetzt mit dem Versprechen von Schönheit, Jugend und weißen Zähnen. Versicherungswesen, Sport, Vorsorge- und Hochleistungsmedizin zeigen, wie sehr wir den Tod fürchten. Und weil wir ihn fürchten, haben wir ihn unsichtbar gemacht.
Knut Wolfgang Marons monumentaler Zyklus „Ein Leben“ dagegen zeigt das Sterben. Nun wird er das erste Mal öffentlich präsentiert. Aus Tausenden von Aufnahmen hat der Fotograf 245 ausgewählt, um sie ab Anfang September in der Kunsthalle Erfurt auszustellen. Es sind Bilder aus den letzten Jahren der Margarete Maron, Bilder einer alten Frau, und eben auch Bilder von ihren Dingen. Viele dieser Gegenstände sind alt und abgenutzt; sie berichten von einer Zeit, in der nicht zählte, was man hat, sondern was man gebraucht.
Andere wiederum erinnern an einen Nutzen, den sie verloren haben. Alles schwindet, alles geht dahin. Daran ändern auch die besten Fotografien nichts. Im Gegenteil: Indem sie den Augenblick ihrer Entstehung überdauern, rufen sie die seither vergangene Zeit mit auf. „So war das damals. Oder so ähnlich.“
Kann der ästhetische Blick des Profis den liebenden des Sohnes ergänzen? Ersetzt er ihn gar? Als Maron nach Bonn fuhr, um seiner Mutter zu helfen, dachte er dabei auch an seine Kindheit. Er wollte seiner alten, später pflegebedürftigen, dann sterbenden Mutter etwas von dem wiedergeben, was sie für ihn getan hatte, als er Kind gewesen war. Ein Rollentausch. Aus diesen intimen Begegnungen heraus entstanden seine Fotos. Immer wieder wechselte er von der neuen Rolle in eine andere, um durch den Sucher zu schauen. Das ist mehr als ein bloß technischer Umstand.
Das Aufnahmegerät Kamera schafft eine grundlegend neue Situation. Wo fotografiert wird, tritt die Zukunft auf den Plan, was aufgenommen wird, kann später von Dritten betrachtet werden. Das weiß, wer sich fotografieren lässt.
Mit Haltung stellt sich Margarete Maron der Kamera, aufrecht, selbstbewusst, elegant. Alles weist darauf hin, dass sie diese Würde wahrte, wenn sie für sich war. Doch Knut Wolfgang Maron zeigt sie auch in Momenten totaler Erschöpfung. Dann ist sie nicht in der Lage, ihr Bild zu formen. Dass sie selbst in ihrer Schwäche nicht würdelos wirkt, liegt auch an Marons umsichtigem Umgang mit seinem Medium. Jede Kamera ist indiskret. Doch was wären wir ohne das Bild, das die anderen von uns haben?
Maron entwirft dieses indiskret entstandene Bild mit Zartheit und großer Diskretion. Seine Mutter vertraut ihm; bis zuletzt bleibt sie Subjekt und Objekt seiner Kunst. Sie lässt zu, dass er sie fotografiert; in die Kamera blickt sie nicht. Auch wenn sie weiß, dass sie nicht alleine ist, bleibt sie für sich. Sie weiß, dass der Mensch mehr ist als sein Körper.
Maron hat seiner Mutter ein einzigartiges Geschenk gemacht, sein Objektiv schuf für sie eine letzte Bühne, ließ sie Luft holen von der Isolation, die jeder Kranke, Sieche und Sterbende erlebt. Der Fotograf, das sind immer auch die anderen. Heute vertritt er die, die morgen seine Bilder betrachten werden.
In einem Beitrag zu dem von Volker Heinze gestalteten Künstlerbuch, das Marons Ausstellung begleitet, findet sich ein Zitat der französischen Künstlerin Sophie Calle. Für eine Performance-Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo wollte Calle Fotos von ihrer kranken Mutter machen. „Als ich meine Kamera am Fußende des Bettes aufstellte, in dem sie im Sterben lag, rief sie: Endlich!“ Jeder stirbt, das ist normal, das muss so sein, und alles vergeht. Von diesem Vergehen erzählen Marons Bilder, sachlich und anrührend zugleich. „Sie allein bleibt, ruhig“, schreibt Hans Magnus Enzensberger, ein Wort Hegels aufnehmend, „die Furie des Verschwindens.“
Vor dem Verschwinden liegt das Leben. Das der Margarete Maron verlief unauffällig. Sie stammte aus Elm bei Schlüchtern in Hessen, es war nicht weit nach Thüringen und Bayern. Bevor sie Ehefrau und Mutter wurde, machte sie eine Hauswirtschaftsausbildung. Sie reiste gerne, sie liebte Frankreich, die Musik, die Kunst. Mit allem ging sie sorgsam um. Sachen wurden wiederverwendet, repariert, in Ordnung gebracht. Diese Ordnung behielt sie aufrecht, bis zuletzt. Bis zu ihrem Ende war Margarete Maron bei Bewusstsein, erzählt ihr Sohn. Ihr letztes Porträt ist verwischt. Maron nahm das Bild auf, während er mit seiner Mutter sprach. Erst danach begriff er, dass sie gestorben war, zwischen zwei Aufnahmen. Als wäre es ganz einfach, für immer zu gehen.
„Ein Leben“. Ausstellung vom 2.September bis zum 4.November in der Kunsthalle Erfurt, danach in Mülheim/Ruhr, Schwerin und New York. Einen Ausschnitt aus „Ein Leben“ zeigt die Berliner Galerie „zone B“ vom 14.September bis zum 18.November in der Doppelausstellung „Daheim“ mit Werken von Maron und Gosbert Adler. Zur Eröffnung erscheint bei Kerber ein von Volker Heinze gestaltetes Künstlerbuch: Knut Wolfgang Maron: Ein Leben. Herausgegeben von Dirk Blübaum und Gerhard Graulich (ca. 160 Seiten, ca. 35 Euro).





