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Euthanasie

Die Gnadenabteilung

Aus: Ausgabe 33/2013

In Waldniel am Niederrhein ermordeten die Nazis in einem ehemaligen Kloster fast 100 behinderte Kinder. Das Gebäude ist heute eine Ruine für Geisterjäger. Gleich nebenan findet eine Nachbarin immer noch Knochen im Garten. Die Geschichte einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Dazu: Ein Interview mit der Architektin des neuen Berliner Euthanasie-Mahnmals

Rudolf Wichert

Maria Tauer zog ins Grüne. Ihre Kinder sollten nicht in der Stadt aufwachsen. Sie sollten wissen, was ein Garten ist, wie Gras riecht und die eigenen Tomaten schmecken. Sie sollten Hühner haben, Puten und einen Hund – so kennt es Maria Tauer aus ihrer Kindheit in Polen. Die Tauers kauften ein Haus in Waldniel nahe der niederländischen Grenze. Sie kauften auch ein Stück Erde für ihre Pflanzen.

Dann fanden sie in der Erde Knochen von kleinen Kindern. Seitdem führt Maria Tauer ein Leben an der Oberfläche.

Maria Tauer steht am Wohnzimmerfenster. Sie schaut auf Tomatensträucher, durchs Gras staksende Hühner und den in der Sonne dösenden Familienhund Tessa. „Ich will nicht daran denken, was unter uns ist“, sagt die 55-Jährige. Wenn etwas im Garten gemacht werden muss, überlässt Maria Tauer es ihrem Mann Konrad. Er war es, der die Knochen fand. Vor einem Jahr ließ er einen untersuchen. Es war der Hüftknochen eines zehnjährigen Mädchens. Das Mädchen war behindert, es konnte nicht laufen. Der Knochen ging zur Polizei. Die behielt ihn und versprach, sich zu melden. Seitdem warten die Tauers, dass jemand kommt und sich für die Kinder in ihrem Garten interessiert. Ein Nachbar meinte, sie sollten die Knochen wegschmeißen. Da beschlossen die Tauers, in Zukunft keine Knochen mehr zu finden.

Maria Tauer senkt den Kopf. Dunkle Locken verdecken ihr Gesicht. Sie weint. „Wir können das Haus nicht verkaufen. Wer will ein Haus haben, das auf einem Friedhof steht?“ Außerdem sei da ja noch „dieses Ding nebenan“.

Wie kann man damit leben?

„Man kann nicht. Aber man lebt.“

Dieses Ding, das ist ein Ort, den es 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs so nicht mehr geben dürfte. Das sind ein paar düstere Sandsteingebäude mit noch düstererer Vergangenheit. Verlassen modern sie hinter einem Gittertor vor sich hin. Das Ding, das ist eine von den ganz normalen Stätten des NS-Terrors. Keine Tötungsfabrik wie die großen Lager im Osten, sondern einer von den vielen kleinen vergessenen Orten der Vernichtung mitten in Deutschland.

Bevor es dazu wurde, war in dem Gebäude das St.-Josefs-Heim der Franziskaner. Hier wurden in der damaligen Diktion „idiotische“ Jungen betreut. Die Jungen bewirtschafteten einen Bauernhof, sie bestellten die Felder, ernteten Kartoffeln, gingen zur Schule. Einige Franziskaner verstrickten sich in Devisengeschäfte, andere vergingen sich an ihren Schützlingen. Das kam heraus. Da übernahmen die Nazis das Gelände. Die machten aus dem St.-Josefs-Heim eine Zweigstelle der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannistal in Süchteln. Auch damals lebten Behinderte hier. Sie starben hier. Hunderte starben hier.

Und die Kinder im Garten?

Von Oktober 1941 bis Juli 1943 war in der Zweigstelle auch die einzige „Kinderfachabteilung“ der damaligen Rheinprovinz. Mütter behinderter Kinder wurden genötigt, hier ihre Söhne und Töchter abzugeben. In der Kinderfachabteilung werde es ihnen gut gehen, hieß es. Wer sich weigerte, dem wurde das Kind weggenommen. Der musste plötzlich in der Rüstung kriegswichtige Arbeit leisten. Gut 30 Kinderfachabteilungen gab es im Reich. Bis zu 10 000 Kinder wurden während der Kinder-Euthanasie ermordet. Kaum ein Historiker hat sich bislang für das System der Kinderfachabteilungen interessiert. Waldniel war mit 200 Betten wahrscheinlich eine der größten. 99 Kinder wurden hier getötet. Weil der eigentliche Anstaltsfriedhof zu klein war, beerdigte man die Kinder auf einem Stück Erde nebenan. In dieser Erde wachsen heute die Tomaten von Maria Tauer.

All das hat der Banker ihres Vertrauens Maria Tauer erzählt.

Andreas Kinast scheint zum Sparkassenfilialleiter geboren. Sein Hemd ist weiß und kurzärmelig, sein Haar gegelt. Gerade hat der Endvierziger Pause. Jeden Morgen fährt der Leiter der Sparkasse Waldniel auf dem Weg zur Arbeit an der Kinderfachabteilung vorbei. Die meisten Waldnieler kennen die nur als Kent School. Bis Anfang der Neunziger war hier eine Schule für britische Soldatenkinder. Dann sollte ein Luxushotel rein. Dann ein Asylantenheim. Sogar die Piusbrüder wollten das Gebäude kaufen. Heute gehört es einem Privatinvestor, der es bei einer Zwangsversteigerung billig bekommen hat. Anfangen konnte er bis jetzt nichts damit. Alle hochfliegenden Träume scheinen an den bröckelnden Mauern der Kinderfachabteilung zu zerplatzen.

„Ich fragte mich: Was ist das für ein Gebäude?“ In Waldniel munkelte man, dass in der Schule im Krieg Schlimmes mit Kindern geschah. Andreas Kinast wollte ein Buch darüber lesen. Das gab es nicht. Da schrieb er es selbst – er, ein gewöhnlicher Sparkassenbanker, der drei Hunde besitzt, in einer Band spielt und gern mit dem Wohnwagen verreist.

Warum mutet man das sich und seiner Familie zu? Warum munkelt man nicht einfach mit? „Ich wollte es wissen.“ Aber ist das wirklich alles? „Als Kind fand ich ein Foto: Meine Mutter und ein merkwürdiger, fremder Mann: ,Das ist Onkel Beppo‘, sagte meine Mutter. Doch wo war Beppo jetzt? ,Beppo ist nicht mehr da‘, sagte sie. ,Beppo ist weg. Sie sind alle weg.‘“ Sechs Tötungsanstalten der „Aktion T4“, wie das Euthanasieprogramm auch genannt wird, gab es im Reich. In einer davon wurde Onkel Beppo vergast. Das weiß Andreas Kinast heute.

Sieben Jahre hat er in Archiven die Vergangenheit der Kinderfachabteilung recherchiert. Er hat Krankenakten ausgewertet, mit Zeitzeugen gesprochen und sogar Luftaufnahmen gesichtet. Jetzt steht das Buch, das er einst lesen wollte, auf einem kleinen Podest hinter seinem Schreibtisch. Selbst während des Dritten Reichs, so Kinast, sei Euthanasie offiziell verboten gewesen. Inoffiziell galt sie durch Hitlers geheimen Gnadentoderlass jedoch nicht nur als straffrei, sondern als erwünscht und wurde mal mehr, mal weniger gut getarnt. Letzteres im Falle der Erwachsenen-Euthanasie. Dass in den Öfen der sechs Vergasungsanstalten keine alten Lumpen und Leinen, sondern Menschen wie Onkel Beppo brannten, sprach sich schnell herum. Am 3. August 1941 machte Bischof Clemens August Graf von Galen aus Münster in einer Predigt das bekannteste Geheimnis des Dritten Reiches öffentlich. Hitler verfügte kurz darauf den Euthanasie-Stopp. Die nun arbeitslosen Gnadentod-Vergaser wurden eh anderweitig gebraucht, im Osten, wo sie es wie in Sobibor und Treblinka bis zum Kommandanten brachten.

In den Kinderfachabteilungen ging die Kinder-Euthanasie da erst richtig los. Das Aufnahmealter wurde auf 16 Jahre erhöht. Die Waldnieler Betten dürften also voll gewesen sein. Ein Arzt und viele Krankenschwestern standen damals am Bettrand. Der Arzt war jung. Er hieß Hermann Wesse.

Was stand in den Krankenakten der Kinder, die Wesse betreute? „Dass sie an Marasmus, Brechdurchfall, Lungenentzündung starben“, sagt Kinast. Und wie starben sie wirklich? „Einige sind verhungert, andere bekamen Luminal. Luminal löst eine künstliche Lungenentzündung aus. Die Kinder sind erstickt.“

Als Hermann Wesse, der Sohn eines früh verstorbenen Polizeianwärters, die Leitung der Kinderfachabteilung übernimmt, ist er keine 30 Jahre alt. Er hat keinen Doktor und konnte sein Studium nur beenden, weil die NSDAP ihn finanziell unterstützte. Auf einem Bild von 1941 trägt er Sakko und Krawatte, seine Lippen sind voll, das Gesicht blass, der Blick traurig, das Haar gegelt. Hermann Wesse ist im besten Alter, um an der Ostfront zu fallen. Die Stelle in Waldniel bietet ihm Vorteile. Wesse muss den Heldentod nicht mehr fürchten. Die Arbeit ist gut bezahlt, außerdem ist seine Verlobte Hildegard Irmen Ärztin in Waldniel. Die beiden können zusammen sein, heiraten und sich als Eheleute um ihre Patienten kümmern. Das Entscheidende aber ist: Die Stelle ist frei. Georg Renno, Wesses Vorgänger, wollte nach wenigen Wochen in Waldniel nur eines: weg.

„Das muss man sich mal vorstellen: Renno war in Hartheim“, sagt Andreas Kinast. „Dort stand er am Gashahn und hat 18 000 Behinderte ermordet. Doch Waldniel, das war zu viel für ihn.“ Warum? Mitleid? „Fragen Sie ihn selbst.“

Tatsächlich gibt Ende der Neunziger Georg Renno einem österreichischen Journalisten sein erstes und einziges Interview. Darin spricht er über alles, nur nicht Waldniel. Dann jedoch erzählt er eine Anekdote aus der Zeit, bevor er Euthanasie-Arzt wurde. Renno beobachtet ein Elternpaar, wie es sich rührend um ein behindertes Kind kümmert: „Aber da hab ich dann Verständnis gefunden, wie selbst ein pumperlgesunder Mensch an einem – einem so toten – das war ein totes Objekt praktisch, hat bloß nicht geschrien, nicht ansprechbar, also wie die gehangen haben an dem. Was aus dem geworden ist, weiß ich nicht – ich hab ihn net angerührt.“

Einen Tag nach seiner Ankunft in der Kinderfachabteilung Waldniel unterschreibt Hermann Wesse am 2. Oktober 1942 seine erste Todesbescheinigung. Getrud W. wurde zehn Jahre alt. Sie ist verhungert.

Wem war Wesse verantwortlich?

„Dem Reichsausschuss“, sagt Kinast.

Der „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ war eine Tarnorganisation, die der Kanzlei des Führers unterstellt war. Jeder Arzt, der ein Kind töten wollte, musste den Vorgang dem Reichsausschuss in Berlin melden. Dort entschieden Gutachter wie Werner Catel – vor und nach 1945 einer der berühmtesten Professoren für Kinderheilkunde –, welches Kind den Gnadentod verdiente. Keiner der Gutachter hat je eines der Kinder gesehen.

Wem war er noch verantwortlich?

„Hans Aloys Schmitz.“

Im Gegensatz zu Wesse hatte Schmitz den Doktortitel. Er war Obermedizinalrat und wurde Wesse als übergeordneter Psychiater vor die Nase gesetzt. Schmitz musste jede Tötungsentscheidung Hermann Wesses prüfen und gegenzeichnen.

Wem war er zuerst verantwortlich?

„Seinen Patienten.“

Der Tod sollte ja als Gnade erscheinen. Als Erlösung für die Betroffenen, für die Eltern, für Deutschland. Wie hat Wesse entschieden, wer dieser Gnade würdig war? Was waren seine Kriterien? Sicher ist er im weißen Kittel durch die Räume der Kinderfachabteilung geschritten. Dabei musste er jedem Kind auf seiner Visite ins Gesicht sehen. Heute ist hier nichts mehr. Leere Räume, beschmiert mit Graffiti. Putz bröckelt von der Wand. Es riecht nach abgestandener Luft und ganz leicht nach Urin. Obdachlose schlafen hier manchmal. Geistersucher schleichen in den Abendstunden über die Gänge. An den Wochenenden beballern sich Militaria-Fans in Fantasieuniformen mit kleinen Softair-Kugeln. Die Kugeln liegen überall auf dem Boden. Sogar eine Cannabis-Plantage wurde in der Anlage entdeckt.

Zwischen 1942 und 1943 stehen hier Betten. Überall Betten. In ihnen liegen Kinder mit Wasserköpfen, mongoloide Kinder, schwerst traumatisierte Kinder. Sie wälzen sich in ihren Fäkalien. Sie haben Hunger und Infektionen. Die Heizung ist aus. Es ist kalt. Das ist Absicht. Eine Krankenschwester erzählt später, dass „der Zustand der idiotischen Kinder mit den Missgeburten“ so furchtbar gewesen sei, dass sogar Wehrmachtssoldaten, die das Haus beschlagnahmen wollten, entsetzt wieder abzogen. Das alles sieht Hermann Wesse jeden Tag. Für ihn ist es normal. Wie entscheidet er? Geht er langsam durch die Reihen, zeigt hierhin und dorthin: „Und du, und du, und du…“?

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Erschienen in:
Ausgabe 33/2013
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Tod