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Das Wesentliche: Geistesgrößen

Die Bühne liegt in Trümmern

Aus: Ausgabe 06/2012

Einst hatte jede Partei Geistesgrößen, die über der Tagespolitik schwebten. Warum finden Dahrendorf, Glotz und Biedenkopf keine Nachfolger?

Vor einem Jahr überzeugte ein nerviger, eitler Intellektueller seinen politischen Gegner im Präsidentenamt davon, militärisch in Libyen zu intervenieren. Ein Auftritt ohnegleichen. Bernard-Henri Lévy, so der Name des Denkers, wurde hernach als „König von Paris“ gefeiert. Und in Deutschland? Hier reicht die Skala der verbliebenen Vordenker vom Provokateur Peter Sloterdijk, der mit seinen Anstößigkeiten den Mainstream in Wallung zu bringen versteht, bis zum gut beschäftigten Hausgebrauchsphilosophen Richard David Precht. Wo Hans Magnus Enzensberger seine Europa-Reserve stets mit dem Brüsseler Wasserkopf-Klischee zu nähren versucht, ruft Jürgen Habermas immerhin zur Rettung des finanzpolitisch gefährdeten Kontinents auf. Aus der SPD-Ecke leistet sich Günter Grass neuerdings auf Trauerfeiern – wie der für Christa Wolf – Rumpelstilzchenauftritte, während Klaus Staeck mit Hasstiraden auf die Medien unterwegs ist.

Wo aber ist der klassische Intellektuelle in der deutschen Politik geblieben, der nicht nur den moralischen Mahnwächter gibt, sondern auch als konzeptioneller Denker und Impulsgeber in Erscheinung tritt? Vormals wurde dieser Typ von Figuren wie Carlo Schmid oder Kurt Biedenkopf, Ralf Dahrendorf oder Peter Glotz repräsentiert. Für das Verschwinden solcher Persönlichkeiten aus der Parteienwelt gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind in globalisierten Zeiten eher Experten als Visionäre für Gesellschaftsentwürfe zuständig. Außerdem gelten seit dem Epochenbruch von 1989 Großtheorien, lange Erzählungen und utopische Entwürfe als anachronistisch. Politische Profile verlieren ihre Kontur, einzelne Entscheidungen symbolisieren keine trennscharfe politische Richtung mehr. Da ihre Haltbarkeitsdauer abnimmt, gelten auch Parteiprogramme als unzeitgemäß.

Ein weiterer Grund ist der Aura-Verlust des Intellektuellen in einer dezentrierten digitalen Kommunikationsgesellschaft. Sein vormals imperialer Gestus wäre heute selbst für anspruchsvollere Geister kaum noch erträglich. Ein Intellektueller, der sich „über Gott und die Welt“ verbreite, sei nur noch „eine lächerliche Figur“, befand einmal der gerade ausgeschiedene „Merkur“-Herausgeber Kurt Scheel. Ihm sei die Kraft abhandengekommen, noch einen Fokus zu bilden, konstatiert auch Habermas. Das neue elektronische Zeitalter hat die Bühne für den Auftritt von Intellektuellen verkleinert, wenn nicht gar zerstört. Insofern will uns das glorreiche französische Beispiel – bei aller Bewunderung – auch ein wenig wie von gestern erscheinen.

Hinzu kommt der Struktur- und Rollenwandel des Journalismus. Die Grenzen zwischen Politik, Politikberatung, Beobachtung und Unterhaltung sind unscharf geworden. Stattdessen haben wir es in den Parteien mit strategischen Apparatschiks oder Spin-Doctors aus der Werbebranche zu tun, die Kampagnen zu fahren versuchen. Dabei konnten Parteiintellektuelle in Deutschland Prägekraft entwickeln, haben kulturell einiges bewirkt und hatten kurzzeitig Einfluss auf die politische Macht, auch wenn sie dabei eine Spur des Scheiterns hinterließen. Man denke nur an viele bittere Niederlagen von Peter Glotz, an Biedenkopfs Demütigungen unter Kohl oder Dahrendorfs kläglich endenden Ausflug in die Tagespolitik.

Herausragende Kompetenzen zeichneten sie aus, allen voran die Fähigkeit zum konzeptionellen Denken. Erinnert sei nur an Rüdiger Altmanns heiß umkämpften Entwurf einer „Formierten Gesellschaft“ (1965), die Thesen zum Freiburger FDP-Programm von Werner Maihofer und Karl-Hermann Flach (1971), das „Manifest für eine Neue Europäische Linke“ von Peter Glotz (1985) oder „Die Neue Soziale Frage“ (1975) von Kurt Biedenkopf. Wenn Angela Merkel über die Soziale Marktwirtschaft, Sigmar Gabriel über den Fortschritt oder Christian Lindner über den Liberalismus Papiere verfassen lassen, ist den Programmtiteln das Adjektiv „neu“ vorangestellt. Das stimmt skeptisch. Echte Vordenker lassen ihre Leser nachdenken, was an ihrem Wurf wirklich neu ist.


Norbert Seitz ist Kulturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln.

 

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Nobert Seitz (Kulturredakteur im Deutschlandfunk)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Kultur, Innenpolitik