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Der Atheist, der was vermisst

Der Sohn will Rache

Aus: Ausgabe 04/2012

Jahrelang wurde er von seinem Vater gepeinigt. Heute fragt sich unser Kolumnist, was ihn eigentlich davon abhielt, ihn umzubringen.

Mein Vater ist plötzlich ein Pflegefall, das Amtsgericht hat mich zu seinem „Betreuer“ eingesetzt, früher sagte man „Vormund“. Ich darf ihn also nun ungestraft bevormunden. Als ich darüber nachdenke, werden mir meine Gefühle bewusst: Da ist eine Rechnung offen zwischen uns, die aus meinen Kindertagen stammt. Ich kann mich an keine Einzelheiten erinnern. Aber dass es etwas Ungeklärtes zwischen uns gibt, wird mir immer deutlicher daran, wie ich mit ihm umspringe, wie ich es genieße, mit ihm umzuspringen. Ich tu ihm kein Leid an, bin aber auch nicht eben zartfühlend. Und wenn ich ihn so ruck, zuck mit dem Rollstuhl in die Cafeteria kutschiere und aus der Cafeteria über die hohe Schwelle in den Park und hoppelihopp den steilen Parkweg hinab zum See, wird langsam, aber sicher etwas heil zwischen uns. Wenn wir dann angekommen sind, unten auf dem Steg, tut er mir schon wieder leid.

Als Kind, jetzt erinnere ich mich, hatte ich den Wunsch, ihn irgendwo hinunterzustoßen. Ich sehe ihn im Rollstuhl am Rand des Steges stehen. Nein, runterstoßen will ich ihn jetzt nicht mehr, damit bin ich durch, seit Kurzem erst. Erst jetzt.

Vaters schöne Hände halten sich am Rollstuhl fest. Mit seinen Faustknöcheln hat er meinen Schädel malträtiert, bis ich schrie. Keine Strafe, nur ein Spiel. Jetzt weiß ich es wieder: Wir hatten unsere Jungsspiele miteinander – verstecken, fangen, kämpfen, unterkriegen. Er hat nie aufgehört, wenn er gewonnen hatte.

Er hat mich in den Schwitzkasten genommen und so lange mit den Knöcheln seiner Faust bearbeitet, bis ich heulte. Dann hat er mich fallen lassen und verhöhnt. Seine Freude daran, mich zu peinigen und zu verhöhnen, hatte ich vergessen, wenn er wieder Zeit für mich hatte. Doch von Mal zu Mal wuchs in mir der Vorsatz, ihn irgendwann zu „töten“.

Da sitzt er mir gegenüber in seinem Rollstuhl auf dem Steg, das Kinn der schrägen Sonne zugereckt, als habe er ihr zu gebieten. Der zarte Gewaltmensch. In mir ist eine alte Kapsel aufgesprungen. Und ein verletztes Kind will Rache nehmen. Ich habe Macht über ihn, wie er Macht hatte über mich. Was sollte mich hindern, ihn zu quälen, ihn leiden zu lassen? Was, wenn es diese innere Stimme nicht gäbe, das Gewissen, das es mir verbietet.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2012
Redakteur:
Martin Ahrends (Schriftsteller)
Thema:
Der Atheist
Stichworte:
Familie, Tod