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Sein Motiv: Adriano Celentano

Der Popstar als Prophet

Aus: Ausgabe 09/2012

Früher sang er "Azzuro" und ließ sich von den schönsten Frauen umwerben. Heute macht er Werbung für einen Mann: Jesus.

Kult ist er sowieso. Seine Fans sehen ihn als alerten Macho, seine Gegner als tumbes Großmaul. Die Italiener hängen an seinen Lippen. Nein, es geht nicht um Silvio Berlusconi. Wenn Adriano Celentano den Mund aufmacht, spricht und singt er meist anderen aus dem Herzen als der Ex-Regierungschef. Den nennt er sogar einen Lügner. Jetzt gab der „Azzurro“-Sänger dem Affen wieder Zucker. Beim Schlagerfestival von Sanremo knöpfte er sich die katholische Presse vor. Die Blätter „L’Avvenire“ und „Famiglia Cristiana“, forderte er, gehörten abgeschafft, weil sie sich lieber mit Politik beschäftigten als mit Gott. Ein Pop-Millionär als Prophet päpstlicher Entweltlichung?

Italiens Bischöfe forderten eine Entschuldigung. Vergeblich, mit seinen 74 Jahren beherrscht Celentano das Geschäft der Provokation. Er persönlich hasse, verriet er seinen 14 Millionen Fernsehzuschauern, „Priester und Mönche, die in ihren Predigten nie über Gott und das Paradies reden, als wenn unser Schicksal der Tod wäre“. Des Sängers eigenes Schicksal ist der Erfolg: Nach dem Abend von Sanremo stieg der Internet-Absatz seiner letzten Platte sprunghaft.

Paolo Conte, Umberto Eco, Dario Fo, Sophia Loren, Francesco Totti: Die Familie der italienischen Idole ist groß. Don Adriano gehört ihr seit Jahrzehnten an. Die Leute lieben den gelernten Uhrmacher, sie nennen ihn, und nur ihn, unübersetzbar, „Il Molleggiato“. Das hat etwas mit seinem einzigartig federnden Gang zu tun. Nach katholischer Orthodoxie, gar nach Fundamentalismus klingt das kaum. Aber wer so heißt, kann sagen, was er will, wann er will, wo er will. Als echter Autonomer weiß allein Celentano, welches Thema ihn als Nächstes umtreibt. Katholische Zeitungen, so meinte er beim Schlagerfest in Sanremo, müssten „die Gestalt Jesu in den Herzen der Leser aufleben lassen. Und jetzt könnt Ihr pfeifen“, rief er seinem Publikum zu. Die Leute standen auf und klatschten. Das ist Italien. Das ist Pop

Erschienen in:
Ausgabe 09/2012
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Katholisch, Kultur, Lebensstil, Jesus