Das Wesentliche: Weihrauch
Der Heilige Geist braucht frische Luft
Aus: Ausgabe 02/2012
Das sakrale Duftharz ist rar. Es gefährdet die Gesundheit. Und jetzt rücken Käfer dem Baum zu Leibe, der es spendet.

Demnächst atmen Besucher in Kirchen vielleicht nur noch frische Luft und Kerzenruß. Die Schreckensnachricht kam vom „Journal of Applied Ecology“ in London: In den kommenden 15 Jahren wird der Bestand an Boswellia-Bäumen um die Hälfte zurückgehen, in 50 Jahren wird nur noch ein Zehntel der Gehölze übrig bleiben. Das Harz der Bäume, die von Ostafrika bis Indien vorkommen, wird zu Weihrauch getrocknet. Der Baum ist schon von Natur aus ähnlich vermehrungsunwillig wie chinesische Pandabären und ein sensibles Gewächs. Nun wird er von gehörnten Borkenkäfern bedroht. Zudem bedrängt die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen das Gehölz. Die britischen Ökologen sehen daher den Weihrauch auf die Dauer aus der sakralen Kultur verschwinden.
Noch findet er in katholischen und orthodoxen Kirchen reichlich Verwendung. Nach einigen Jahren Gebrauch lassen sich katholische und orthodoxe von evangelischen Kirchen olfaktorisch klar unterscheiden: Kerzen, aber vor allem Weihrauch hinterlassen ein spezielles Aroma. In der evangelischen Kirche erstickte eine Koalition von Frommen und Aufklärern im 19. Jahrhundert gemeinsam das Feuer im Turibulum, dem halbkugeligen Gefäß, in dem das Harz auf Kohlen verschwelt wird und dabei seinen weißen Rauch abgibt. Nur einige wenige evangelische Kirchen, etwa in und um Hamburg, pflegen bis heute Messen mit Weihrauch, zum Beispiel an Feiertagen wie dem Dreikönigsfest an diesem Freitag. „Vor allem junge Leute mögen das“, sagt Pastor Ulrich Rüß, der bis 2009 in der Eppendorfer Kirche St. Johannis das Fass geschwenkt hat. „Sie wollen den Glauben mit allen Sinnen erfahren.“ Wenn um Dreikönig dieses Jahres in Rostock eine Synode zusammenkommt, um aus den drei Kirchen von Nordelbien (dazu gehört Hamburg), Mecklenburg und Pommern eine einzige zusammenzufügen, könnte sie auf die Tradition des Weihrauchs zurückgreifen. Wahrscheinlich wird sie es aber nicht tun, denn böse Zungen behaupten, die Fusion sei keine Liebesheirat, sondern eine Zweckehe. Die klein gewordenen östlichen Kirchen könnten allein gar nicht überleben. Aber das müsste dem Weihrauch nicht entgegenstehen. Das Christentum hat ihn vermutlich von der Verehrung des römischen Kaisers abgeschaut. Wenn der durch die Straßen getragen wurde, ließen Bedienstete vor ihm Weihrauchwolken aufsteigen, vor allem um den Gestank des Alltags zu überdecken. In Kirchen des Mittelalters gingen Priester mit Weihrauch gegen den Brodem der Schweine an, die unter den Gewölben Schutz vor der Hitze der nahen Märkte suchen durften. Und gegen den der „Stinkreichen“, deren Leichengeruch aus undichten Sarkophagen unter dem Kirchenboden in die Nase stach.
Allerdings ist Weihrauch alles andere als gesund. Ein Team der walisischen Universität von Cardiff stellte im weißen Qualm Formaldehyd und Benzol fest und je nach Mischung auch Aldehyde, Benzypren und Benzopyren. Letztere können Krebs, Asthma und Kontaktallergien verursachen. Mitrauchereffekte sind nicht auszuschließen. Dazu kommt in katholischen und orthodoxen Kirchen die Feinstaubbelastung durch Kerzen, die das Maß einer vierspurigen Ausfallstraße erreichen kann. In ostasiatischen Tempeln, wo Räucherwerk gleich kiloweise kokelt, leiden Beschäftigte in der Regel an chronischem Husten. Eigentlich müssten auf den Gebinden ähnliche Sätze wie auf Zigarettenpackungen stehen: „Weihrauch fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.“
Die Nachricht vom Ende der Ressourcen verliert also an Dramatik. Ohnehin ist der Weihrauch im Christentum eigentlich nicht zu Hause. Die Heiligen Drei Könige brachten ihn mit, die weder heilig noch drei noch Könige waren, sondern Magier, also Vertreter einer Weisheit, die das Christentum ablehnt. Die frühen Christen wollten nichts mit dem heidnischen Duftstoff zu tun haben. Erst nach Jahrhunderten drang er auch in die Kirche ein. Er kann sich auch wieder verabschieden. Der britische Prediger Charles Haddon Spurgeon, dessen Kanzel Tausende aufsuchten, war überzeugt, dass ein gelungener Gottesdienst vor allem frische Luft brauche: Sie mache den Kopf frei, um die Botschaften des Heiligen Geistes aufzunehmen.





