www.zeit.deProbe-Abo

Haltung, bitte!

Der Fremdleser

Aus: Ausgabe 18/2012

Wir sind eine gute Hausgemeinschaft, lauter ältere Damen und Ehepaare. Allerdings verschwinden regelmäßig in aller Herrgottsfrühe die Tageszeitungen, die der Bote morgens auf die Treppe legt. Meine Nachbarinnen haben sich schon beschwert. Ich habe gesehen, dass sie der einzige junge Mieter des Hauses nimmt, ein Student. Er ist ein höflicher und humorvoller Bursche, der mir oft schwere Taschen trägt. Muss ich ihn verpetzen? Ellie D., München

Natürlich könnten Sie den jungen Mann an Ihre Nachbarinnen ausliefern. Die werden ihm schon nicht den Kopf abreißen. Morgendlicher Zeitungsklau ist Diebstahl und keine jugendliche Unbedachtheit. Vielleicht hat der Herr Student kein Unrechtsbewusstsein. Die Zeitungen liegen auf der Treppe. In der Universität stolpert der Mann an jeder Ecke über kostenlose Blätter zum Mitnehmen. Ein Klick im Internet, und eine Zeitungsoberfläche erscheint auf dem Bildschirm des Computers. Für die Generation der Abonnenten ist das schwer nachvollziehbar, aber Ihr junger Langfinger hat vermutlich ein lockereres Verhältnis zum Eigentum von Druckerzeugnissen als Sie. Eine kleine Abreibung durch einen Pulk älterer Damen kann nichts schaden.

Aber da Sie seinen Humor erwähnen, gibt es auch eine elegantere Möglichkeit, den Dieb über Eigentumsverhältnisse aufzuklären, ohne dass Sie selbst seinen Namen preisgeben. Wenn Sie ihn selbst nicht zur Rede stellen wollen, werfen Sie doch einen Zettel in seinen Briefkasten. „Ich weiß, dass Sie fremdlesen. Eine wohlwollende Nachbarin.“ Bei der Lektüre sollte er einen roten Kopf bekommen, sich eine Weile schämen und von nun an die Zeitungen der Nachbarinnen links liegen lassen, wenn er in der Frühe von einer Party kommt. Sie könnten ihm auch bei nächster Gelegenheit, wenn er sich hilfsbereit zeigt, ein Probeabo der Zeitung schenken. Oder anbieten, ihm das gelesene Blatt kostenlos zu geben. Wenn er nur halb so intelligent ist, wie ein Studium es verlangt, liegen bald alle Zeitungen morgens friedlich auf dem Treppenabsatz, ohne dass Sie in Loyalitätskonflikte geraten.

Erschienen in:
Ausgabe 18/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik, Lebensstil