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Haltung, bitte!

Der Fremdgänger

Aus: Ausgabe 11/2014

„Mein Verlobter verkündete vor ein paar Tagen, dass er sein Jurastudium hingeschmissen habe, um eine Ausbildung zum Restaurator zu machen. Seine Eltern sind auch aus allen Wolken gefallen. Wir haben uns beim Jurastudium kennengelernt. Er ist ein sehr guter Student. Nach dem zweiten Staatsexamen und unserer Hochzeit wollten wir in die Kanzlei seines Vaters einsteigen. Wie kann ich ihn noch heiraten? Ich fühle mich, als ginge er fremd.“ Constanze Z., München

Ihr Verlobter geht tatsächlich fremd. Er bricht aus einer Lebensplanung aus, die nicht nur von ihnen beiden, sondern auch von seiner Familie für ihn vorgesehen wurde. Ein Weg, der so schnurstracks auf ein Ziel hinauszulaufen scheint, dass Kurven und Kreuzungen nicht vorgesehen sind. Kein Wunder, dass Sie sich betrogen fühlen. Aber verlässt er deshalb auch Sie? Oder steigt er nur aus einer beruflichen Zukunft aus, die für Sie eine schöne Aussicht, für ihn aber eine Sackgasse ist? Kann es sein, dass er das Studium nur seiner Familie zuliebe begonnen hat? Haben Sie ihn schon so klar auf dem Stuhl seines Vaters gesehen, dass Sie kein Ohr für seine anderen Vorstellungen vom beruflichen Glück gehabt hätten? Hatte er sogar Sorge, dass Sie ihn umstimmen könnten, wenn er Sie in seine inneren Nöte einbezogen hätte, weil er Sie liebt? Vielleicht hat Ihr Verlobter allmählich gemerkt, dass das, was alle für ihn wollen, nicht das ist, was er für sich will?

Wer den ausgefallenen Berufswunsch des Restaurators hat, der träumt schon länger davon, alten Dingen behutsam zu neuem Glanz zu verhelfen. Wussten Sie gar nichts von seiner Leidenschaft? Fragen Sie sich, in wen Sie verliebt sind: in den künftigen Anwalt aus gutem Haus, in ihre gemeinsamen Pläne oder in den Mann, der sich endlich traut, seinen eigenen Weg zu gehen?
Fragen Sie ihn auch, warum er Sie in diese wichtige Entscheidung nicht eingebunden hat. War es Feigheit? Oder die Sorge vor dem, was das für Sie als Paar bedeutet? Pläne können sich verändern. So wie Menschen sich entwickeln. Vielleicht steigen Sie ja in die Kanzlei des Schwiegervaters ein. Und sein Sohn erlernt endlich seinen Traumberuf.

Erschienen in:
Ausgabe 11/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch