Schuld
Der böse Mann von Nebenan
Aus: Ausgabe 25/2012
Was tun, wenn Vergewaltiger zu Nachbarn werden? Diese Frage stellen sich gerade die Menschen in Insel in Sachsen-Anhalt. Besorgte Bürger wollen die beiden ehemaligen Häftlinge mit allen Mitteln loswerden. Dabei sollten sie versuchen, mit ihnen zu leben

Kennen Sie den Mann von nebenan? Klar, sagen Sie sicher, mein Nachbar, den kennt man doch. Man weiß, wann er seinen Rasen mäht, wann er einkaufen geht, wie viele Kinder er hat, welches Auto er fährt. Manchmal weiß man sogar Dinge über ihn, über die er nie reden würde. Etwa, wenn die Ehe kriselt. So etwas kommt immer raus. Und das ist gut so. Wer glaubt, seinen Nachbarn zu kennen, fühlt sich sicherer. Dafür nimmt man in Kauf, dass der Nachbar über einen so viel weiß wie man selbst über ihn. Zeit plus Nähe gleich Geborgenheit, so lautet das Gesetz guter Nachbarschaft. Bereits vor fast 500 Jahren schrieb der Schriftsteller John Donne: „Niemand ist eine Insel; jeder Mensch ist ein Stück eines Kontinents, ein Teil des Festlands.“ Schon damals wusste man: Ohne heimische Scholle wären wir alle ziemlich allein.
Doch wie gut kennt man den Mann nebenan wirklich? Gewaltverbrechen entstehen bekanntlich meist in der Familie. Der Nachbar, der samstags den Passat wienert, prügelt vielleicht sonntags seine Frau. Oder vergeht sich montags an seinem Sohn. Und wenn nicht: Vielleicht würde er gerne. Weiß man’s? In seinen Garten kann man schauen, in seinen Kopf jedoch nicht. Ist der Mensch also doch eine Insel? Kann man ihm niemals ganz vertrauen?
In Insel glauben das derzeit ziemlich viele Menschen. Seit Wochen kommt jenes sachsen-anhaltinische Dörfchen mit dem symbolischen Namen nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus. Zwei Sexualstraftäter haben sich hier nach Verbüßung ihrer Haftstrafen niedergelassen. Seitdem kocht die Volksseele. Täglich demonstrieren Bürger mit Plakaten: Die Männer sollen verschwinden. Oder noch besser: „Kastrieren und weg“. Denn die beiden seien nach wie vor eine Gefahr, heißt es. Und vielleicht stimmt das. Nie haben sie sich zu ihrer Schuld bekannt, nie haben sie bereut. Aus der nachträglichen Sicherheitsverwahrung wurden die Männer nur entlassen, weil das Bundesverfassungsgericht die geltenden Regeln zur Sicherheitsverwahrung im Mai vergangenen Jahres für verfassungswidrig erklärt hat.
Doch welche Gefahr kann von zwei Männern ausgehen, die keinen Fuß mehr vor die Tür setzen können ohne Polizeischutz, die Angst haben müssen, verprügelt zu werden oder Schlimmeres? Niemand weiß es, wohl nicht mal die Männer selbst. Ihre reine Existenz scheint bereits als Bedrohung auszureichen. Dabei haben die Männer ihre Strafe abgesessen. Nach dem Freiheitsentzug sind sie juristisch gesehen wieder genauso vollwertige Bürger wie die Bürger von Insel auch. Und genau das ist das Problem: Wer da protestiert, glaubt, dass die beiden Männer nicht zu Insel gehören, ja nicht mal mehr zur Gattung Mensch. So jemanden will man nicht zum Nachbarn.
Dabei gab es eine Zeit, da wuschen die beiden ihre Autos wie alle, brachten wie alle den Müll raus, wünschten allen einen „Guten Morgen“ und tranken abends in der Kneipe mit allen Bier. Aber nur die beiden zogen danach los und vergewaltigten Frauen. Und wenn sie dazu in der Lage waren, wer ist es noch?
Wir sind keine Inseln, aber ein Kontinent, wie John Donne behauptet, sind wir auch nicht. Vielleicht sind wir ein Archipel, eine Gruppe aus Eilanden, lose verbunden, aber doch ein Ganzes. Unter vielen Inseln, das weiß jeder Geologe, schlummert eine destruktive Kraft. Manchmal entlädt sie sich, dann ist sie in der Lage, eine Insel zu zerreißen. Und selbst, wenn man dann sicher auf einer Nachbarinsel sitzt, spürt man dennoch die Erschütterung. In jedem Triebtäter wirkt, der Name sagt es, aus welchem Grund auch immer, der Trieb so stark, dass er zum Täter wird. Und weil nun mal jeder die Macht des Triebs kennt, auch ohne gleich zu vergewaltigen, fühlt sich auch jeder von Verbrechen dieser Art besonders betroffen. Sie machen wütend, weil sie uns daran erinnern, was passieren kann, wenn wir unseren Trieben nachgeben. Ja, sie lehren, dass man sich kaum selbst vertrauen kann. Eben deshalb vertraut man auch dem Täter nicht, dass er sich, selbst wenn er therapiert und resozialisiert wurde, wirklich im Griff hat. Wir Menschen glauben den Menschen halt viel zu gut zu kennen.
Nach Augustinus kommt mit dem Trieb auch die Erbsünde in die Welt. Der Triebtäter nun wird, abgesehen davon, dass er überhaupt gezeugt und geboren wurde, zusätzlich schuldig. Er hat nicht gelernt, seinen Trieb zu zähmen, und fügte anderen Menschen so schweren Schaden zu. Es gibt jedoch noch eine andere Definition der Erbsünde, und die kommt völlig ohne Triebe aus. Nach Walter Benjamin und dem englischen Philosophen Terry Eagleton ist Erbsünde ein „Schuldzusammenhang von Lebendigem“ (Benjamin). Demnach werden wir allein dadurch, dass wir in einer Gemeinschaft zusammenleben, schuldig. Zusammengepfercht wie die Hühner in einer Legebatterie, picken wir, so Eagleton, einander das Gefieder, ohne uns bewusst zu sein, dass wir alle ein ähnliches Schicksal teilen. Schuld entsteht demnach durch menschliche Interaktion, durch Nähe, kurz: durch Nachbarschaft. Wäre jeder eine Insel, wären wir unschuldig und könnten nackt durch den Garten Eden hüpfen wie Robinson über seinen Felsen.
Brandgefährlich wird es, wenn einer mehr Schuld auf sich lädt als andere, gar möglicherweise nicht mehr zu kontrollieren ist. Dann grassiert Panik im Käfig. Dann muss man vorsichtig sein. Und Vorsicht ist gut. Jede Mutter, die um ihre pubertierende Tochter fürchtet und vorsichtig ist, wenn Vergewaltiger nebenan einziehen, kann und muss man verstehen. Alles andere wäre naiv.
Doch zu große Nähe kann kurzsichtig machen: Weil man Angst hat vor dem Nachbarn, sieht man nicht mehr, was er trotz allem ist – ein Mensch, ein Nachbar eben. Er hat eine Geschichte, die wir nicht kennen, er wurde nicht als Monster geboren. Ihn zu verstehen heißt nicht, ihm zu verzeihen, es bedeutet, zu lernen, mit ihm zu leben. Denn das müssen wir. Als Kain etwa seinen Bruder Abel erschlug, verstieß ihn Gott und zeichnete ihn mit einem Mal – jedoch nicht, um ihn zu strafen, sondern um ihn zu schützen: „Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.“ (Gen 4,15) Gott kennt den Menschen offensichtlich auch ganz gut.





