Vorgeschmack
Der Atheist, der was vermisst
Aus: Ausgabe 52/2011
Die neue Kolumne von Martin Ahrends. Ab jetzt jede Woche in Christ & Welt.

Das sechste Kind
Vor ziemlich genau 17 Jahren hatte meine Frau mir auf dem Weg zum Bahnhof mitgeteilt, dass sie wieder schwanger sei, und ich hatte nun von Hamburg bis Stuttgart Zeit, diese Mitteilung in mir arbeiten zu lassen. Hinter Hannover begann ich einen langen Brief und schrieb noch in Göttingen, Fulda und Frankfurt meiner Frau tausend Gründe dafür, dass dieses sechste Kind uns absolut überfordern, unser leidlich austariertes Familienleben völlig aus der Bahn werfen würde, dass wir alles andere, aber nicht noch ein Kind gebrauchen könnten. „Gebrauchen“ klingt nach Anschaffung. Das fiel mir dann auch auf.
Ich dachte an die nächsten Jahre mit Platzmangel, Unausgeschlafenheit, fehlender Konzentration, mit Verdienstausfällen, dünnen Nerven… Und beim Schreiben entwickelte sich Vertrauen darauf, dass es schon gut gehen werde. Wo dieses Vertrauen herkommt, weiß ich nicht, es ist völlig irrational. Mein Vertrauen darauf, dass ich recht habe mit meinem Menschenbild und nicht die Vermarktungsstrategen. Für die ist der Mensch ein Mittel zu ihren Zwecken, ein Verbraucher, ein anspruchsvolles, stets verführbares Objekt. Aber ich traue den ANDEREN, zu denen meine Kinder heranwachsen.
Ich behaupte von mir, ein Atheist zu sein. Aber ich habe ein Menschenbild, das irgendwie utopisch umglänzt ist und das ich mir nicht nehmen lassen will. Es gibt da so einen Schimmer des Möglichen, der vielleicht sogar mit diesem Heiligenschein der Christen auf geheimnisvolle Weise verwandt ist. Zu Weihnachten sind ja auch wir Atheisten Kirchgänger, und da stehen dann diese Krippen mit allem, was dazugehört. Die herzueilenden Hirten und Könige glauben an dies Neugeborene, an seinen guten Stern, an das Licht um sein Haupt, sie glauben, dass es alle Möglichkeiten in sich trägt, um die Welt zu erlösen. Ohne dies grundsätzliche Wohlwollen, ohne diese Option können Kinder nicht gedeihen.
Wenn die ANDEREN ihre Häuser verschließen vor diesem Mann und seiner schwangeren Frau, die nachts vor der Tür stehen, dann kommen keine Kinder mehr zur Welt. Natürlich macht das schmutzige Laken, und man wird diese Nacht keine Ruhe finden, und am nächsten Morgen ist dies und das zu organisieren. Aber es ist das Opfer wert, wenn man dem Neugeborenen zutraut, ein Mensch zu werden in diesem utopischen Sinne. Und eigentlich nur deshalb. Vom Glauben, dass aus einem Neugeborenen etwas Göttliches werden kann, von diesem lichten Schein ums Haupt des Neulings hängt alles ab! Ob man ihm opfern darf, sich auf ihn freuen und auf ihn hoffen oder ob er nur ein Esser mehr ist auf der ohnehin leer gegessenen Welt. Von unserem Selbstbild als Menschen hängt ab, ob wir die Tür aufmachen für die Gebärende.
Auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof warf ich den langen Brief an meine Frau in den Mülleimer. Das war keine Entscheidung dafür, nur die Kapitulation vor dieser Entscheidung, die ich nicht fällen wollte. Und „fällen“ ist in diesem Zusammenhang ein treffendes Verbum.
Vor der langen Nacht
Meine Familie zählt zu den Ungläubigen. Meine acht Kinder sind wohl getauft und konfirmiert, weil ihre Mütter fanden, dass es irgendwie dazugehört. Wir sind auch zu Weihnachten als Familie in die Kirche gegangen, aber wir haben nie einen Gottesdienst besucht, und zu Hause haben unsere Kinder keine Spur von christlichem Familienleben kennengelernt.
Auch kein Nachtgebet? Doch, die Jüngste hat abends im Bett ein Gebet gesprochen, das sie aus der Schule mitgebracht hatte: „Lieber Gott, nun schlaf ich ein, schicke mir ein Engelein, dass es treulich bei mir wacht in der langen dunklen Nacht.“ Das hab ich ihr natürlich gelassen, auch nicht kommentiert. Aber auch nur selten mitgesprochen. Ich wollte nie etwas vortäuschen, das bei mir nicht vorhanden ist.
Ich hatte auch ein Nachtgebet, als ich so klein war, das hat die Mutter mit mir gesprochen, und es war mir wichtig, es gesprochen zu haben vor dem Einschlafen. Es war diese Regelmäßigkeit und der sich wiederholende Wortlaut, die mir Sicherheit gaben. Und mir die Angst nahmen vor der Nacht, vor diesem Nichtsein, dieser Wehrlosigkeit gegen alle möglichen dunklen Mächte, die sich mir im Traum aufdrängen wollten. Ich glaubte meinen Kinderglauben. Auch meine kleine Tochter brauchte diese Versicherung jeden Abend vor dem Einschlafen. Vor der „langen dunklen Nacht“, die ihr da immer wieder bevorstand.
Aber wir hatten kein Tischgebet, keine Bibel im Haus. Wir sind in Glaubensdingen so dazwischen wie die meisten, die ich kenne. Wir reden kaum darüber. Nur wenn uns Fehlstellen auffallen in unserem Alltag, die frühere Generationen wahrscheinlich mit ihrem Glauben ausgefüllt haben, dann können wir davon reden: von unserem Nichtglauben. Eine merkwürdige Ambivalenz, unausgesprochen und weit verbreitet: Wir sind nicht stolz darauf, nicht glauben zu können. Wir wären aber auch nicht stolz auf einen unerschütterlichen Glauben – woran auch immer.
Heiland auf dem Fahrrad
Sonntagmorgen. Ich bin mit dem Rad unterwegs durch den verschlafenen Vorort, auf der Suche nach Haferflocken, die meine Jüngste heute vielleicht schon vertragen würde als erste Mahlzeit nach ihrem fieberkranken Tag gestern. Sie hatte mich mittags angerufen: Der Kopf, der Magen, der Hals, die Glieder, überhaupt alles hatte ihr wehgetan, ich war gleich zu ihr gefahren, hatte Tees besorgt und Medikamente, Obst, Milch, Zwieback eingekauft und die Haferflocken vergessen. Sie hatte den ganzen Nachmittag geschlafen oder beinahe geschlafen, gelitten, geweint, geflucht. Ich war bei ihr geblieben, hatte meinen Vortrag in der Bibliothek abgesagt, hatte Obst geschnippelt, Tees gekocht, Wadenwickel gemacht und war zuletzt glücklich gewesen, dass niemand anderes Zeit hatte und ich bei ihr sein konnte an diesem Tag.
Ich hätte schon was gefunden in der Küche. Grießbrei, geriebener Apfel, Zwieback. Und natürlich finde ich bei den Tankstellen nicht, was ich suche. Und frage mich: Wem spiel ich hier was vor als radelnder Heiland? Was tu ich hier sonntagmorgens, mit dem Rad unterwegs durch den verschlafenen Vorort? Die Glocken beginnen zu rufen. Vielleicht erwacht die Tochter gerade jetzt, ruft nach mir, und als niemand antwortet, liest sie meinen Zettel und denkt: Gute Ausrede. – Zu oft war ich fort. Jetzt hätte ich alle Zeit. Jetzt könnte ich bei ihr sein. Ich möchte ihre chronischen Magenschmerzen nicht auf dem Gewissen haben. Und nicht ihre Not vor diesem ersten geschiedenen Weihnachten.
Ohne Haferflocken bin ich zurück in dem Haus, das ich nicht mehr bewohne, in dem ich für eine Nacht zu Gast war bei dem kranken Kind, weil sonst niemand Zeit hatte. Wie es sich anfühlt, wenn es beinahe ist wie früher, das hatte ich nicht gewusst. Zurück von meiner Suche nach den zarten Haferflocken, zurück von meiner Ausflucht vor diesem Schmerzpunkt. Was ist mit ihr, dass es ihr so oft schlecht geht mit dem Magen? Hat sie wieder zu viel Süßes gegessen, sich zu wenig bewegt, zu lang vor dem Computer gehockt? Oder ist es psychosomatisch? Hat es mit ihren geschiedenen Eltern zu tun? Was hab ich falsch gemacht, dass alles so kam? Ich will glauben können, dass es uns Vätern geht wie dem Josef, dass wir nicht alleinige Väter sind unserer Kinder, sondern dass sie da noch einen anderen Vater haben, der auf sie aufpasst.
Es ist ganz still im Haus. Vielleicht schläft sie ja noch. Sie sitzt in der Küche, rührt in ihrer Schüssel. „Ich hab noch welche gefunden“, sagt sie, „die Tour hättest du dir schenken können.“ Sie hat wieder Farbe im Gesicht. Da muss ich lachen vor Freude, und sie lacht mit.





