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Österreichischer Pfarreraufstand

Der Anstand der Aufständischen

Aus: Ausgabe 21/2012

In Österreich hat eine Pfarrerinitiative, angeführt vom früheren Wiener Generalvikar Helmut Schüller, zum Ungehorsam aufgerufen. Dabei sind Priester zum Gehorsam gegenüber dem Bischof verpflichtet. Wie passt das zusammen?

Foto: Sebastian Reich/ASAblanca.com

Der „Aufruf zum Ungehorsam“ bestimmt die österreichischen Schlagzeilen und bereitet den Bischöfen Kopfzerbrechen. Rund 400 Priester und Diakone haben sich dem Aufruf der Pfarrerinitiative vom Juni 2011 bisher angeschlossen. Die Medien neigen dazu, den Konflikt zwischen der Kirchenleitung und den Pfarrern zu personalisieren und auf die beiden Protagonisten zuzuspitzen: der eine ist Pfarrer Helmut Schüller, der andere der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn.

Journalisten reizt vor allem die psychologische Seite dieser Konstellation: Der Kardinal hatte Schüller im Februar 1999 als Generalvikar entlassen. Beobachter meinen, Schüller habe diesen „Karriereknick“ nie verwunden. Seitdem ist der rhetorisch begabte und medial gut vernetzte Kirchenmann Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Probstdorf und Hochschulseelsorger an der Universität Wien. Niemand spricht ihm ab, seine kirchlichen Aufgaben effizient erfüllt zu haben. Als Präsident von Caritas Österreich hatte er sich auch in kirchendistanzierten Kreisen hohe Anerkennung erworben. 1995 wurde er Generalvikar der Erzdiözese Wien. Er hat das offene Wort, wenn es um die Offenlegung kirchlicher Missstände ging, nicht gescheut, soll aber seine Ziele mitunter machtbewusst über die Bedenken von Mitarbeitern hinweg durchgesetzt haben. Die Entscheidungsfreudigkeit des Managers und die Nachdenklichkeit des Kardinals – das schien auf Dauer keine glückliche Konstellation.

Wichtiger als die Außenseite ist der Inhalt des Konflikts: die Zukunftsfähigkeit der Kirche. Alle sind sich einig, dass der Zustand kritisch ist. Aber schon in der Diagnose der Krise, erst recht bei den Therapievorschlägen gehen die Meinungen auseinander. Während die Pfarrerinitiative vor allem Strukturdefizite ausmacht, nehmen die österreichischen Bischöfe eine verschärfte Glaubenskrise wahr, der sie durch Maßnahmen einer geistlichen Erneuerung entgegentreten wollen. Schüller votiert für eine Pastoral der Nähe. Der Versteppung kleiner Pfarreien will er durch eine Öffnung der Wege zum priesterlichen Amt entgegentreten. Aufhebung des Zölibats und Frauenordination gehören dazu.

Dass es dabei um mehr als die sattsam bekannten Reformdebatten geht, machte der Papst in seiner Ansprache bei der Chrisammesse am Gründonnerstag deutlich. Benedikt XVI. erteilte der spaltungsträchtigen Rhetorik des Ungehorsams zwar eine Absage, aber er verknüpfte sie mit einer moderaten Lagebeschreibung. Er attestiert den Akteuren der Pfarrerinitiative, „dass sie die Sorge um die Kirche umtreibt und dass sie überzeugt sind, der Trägheit der Institutionen mit drastischen Mitteln begegnen zu müssen, um die Kirche wieder auf die Höhe des Heute zu bringen“. Dieses Eingeständnis einer Reformbedürftigkeit der Kirche verbindet der Papst mit dem Aufruf, sich auf die Quelle wahrer Erneuerung, Jesus Christus, zu besinnen.

Man sollte diesen pontifikalen Fingerzeig nicht als spirituelle Immunisierungsstrategie abtun. Auch das Zweite Vatikanische Konzil spricht an prominenter Stelle von Christus als dem Licht, das auf dem Antlitz der Kirche widerstrahlen soll. Wenn Kirche sich überwiegend mit sich selbst beschäftigt, bleibt sie suchenden Zeitgenossen Orientierung schuldig. Die päpstlichen Worte heben sich klar ab von zelotischen Stimmen, die in einschlägigen Internetforen von den Bischöfen Österreichs gefordert hatten, „die wuchernden Metastasen des Ungehorsams“ durch einen schnellen chirurgischen Eingriff „aus dem Leib der Kirche“ herauszuoperieren.

Die Sorge um eine Spaltung der Kirche ist dennoch nicht unbegründet. Schon gibt es Gruppierungen, die sich im Windschatten des „Ungehorsams“ öffentlich dazu bekennen, seit Jahren priesterlose Gottesdienste zu feiern. Die Simulation einer Eucharistiefeier ohne Priester ist nicht nur eine Kompetenzanmaßung, sie verletzt auch die sakramentale Grundstruktur der katholischen Kirche. Von diesen Praktiken hat sich die Pfarrerinitiative distanziert.

Was aber ist ihr eigenes Programm? Altbekannte Reformforderungen stehen erneut auf der Agenda. Gefordert werden eine veränderte Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene, Kommunion?spendung für nichtkatholische Christen und fallweise aus der Kirche Ausgetretene, die Erlaubnis der Laienpredigt, veränderte Zulassungsbedingungen zum priesterlichen Amt. Zugleich weigern sich die Priester, an Sonn- und Feiertagen mehrfach zu zelebrieren oder den Personalmangel durch durchreisende Kollegen zu kompensieren. „Liturgische Gastspielreisen“ seien verzichtbar.

Neu ist, dass die Pfarrerinitiative diese Forderungen unter das Vorzeichen des „Ungehorsams“ gestellt hat. Priester, die bei der Weihe öffentlich und freiwillig ihren Gehorsam gegenüber dem Bischof versprochen haben, glauben angesichts des dramatischen Reformstaus in der Kirche nicht länger schweigen zu können. Schon länger gehen sie in der Pastoral eigene Wege, die in einzelnen Punkten von der offiziellen Kirchenordnung abweichen. Diese Praxis des „Ungehorsams“ legen sie ausdrücklich offen. Sie verstehen dies als einen Akt der Aufrichtigkeit und berufen sich auf ihr Gewissen. Widerspruch gegen die Bischöfe im Namen eines höheren Gehorsams gegenüber Gott – es nimmt kaum wunder, dass dieser Protest die Medien mehr beschäftigt hat als die einzelnen Punkte des Reformkatalogs. Es sind eben keine Theologen, die Veränderungen fordern, sondern pastoral engagierte Priester aus der Mitte der Kirche. Lässt der Dissens auf Risse im Fundament der Kirche schließen, die sich zu einer Spaltung auswachsen könnten?

Möglicherweise ist der Vorstoß der Pfarrerinitiative zu eng gefasst, um eine wirksame Glaubenserneuerung zu befördern. Die Volkskirche schmilzt ab wie die Gletscher in Österreichs Alpen. Die Bindung an Großinstitutionen lässt insgesamt nach, betroffen sind davon auch Parteien und Gewerkschaften.

Doch die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung erklärt nicht alles. Auch die Bischöfe müssen sich unbequeme Fragen gefallen lassen: Haben sie angemessen und kreativ genug reagiert auf die anhaltende Erosion der Volkskirche? Ist der österreichweite Dialog über Kirchenreformen, der seit den Skandalen um Kardinal Groer und Bischof Krenn gefordert wurde, nicht einfach ausgesessen worden? Hat man den „Ungehorsam“ nicht stillschweigend geduldet, ohne das Gespräch mit der Pfarrerinitiative zu suchen?

In Wien hat Kardinal Schönborn das Modell „Apostelkonzil“ aufgegriffen und in den Jahren 2009 und 2010 dreimal große Diözesanversammlungen im Stephansdom abgehalten. Die Delegierten konnten über das „offene Mikrofon“ alles zur Sprache bringen, was sie bewegt. Es gab keine vorbereiteten Dokumente und keine Kommissionen. Alle Bezeugungsinstanzen der Kirche waren eingeladen, sich zu beteiligen. Aus diesem Prozess gingen Initiativen zur Glaubenserneuerung hervor, auch sind neue Kooperationsformen zwischen Laien und Priestern in Planung, die Bildung von kleineren Gemeinschaften jenseits der territorialen Strukturen ist angedacht.

Das Gespräch zwischen Pfarrerinitiative und Bischöfen dagegen stockt. Schüller ist dabei, sich europaweit zu vernetzen, in Irland und Kroatien haben sich ähnliche Zirkel gebildet. Die Luzerner Herbert-Haag-Stiftung hat der Pfarrerinitiative soeben den Preis „für mehr Freiheit in der Kirche“ verliehen. Laudator Hans Küng verteidigte den „Ungehorsam gegenüber blinden und verblendeten Vorgesetzten als höhere Form des Gehorsams“. Diese Bischofsschelte ist allerdings wenig hellsichtig — und Schüller, der Kopf des Aufrufs zum Ungehorsam, wäre schlecht beraten, wenn er die Einlassungen des Tübinger Kirchenkritikers folgsam nachsprechen würde. Ohne die Bischöfe wird es keine Reformen geben können. Es wäre allerdings ein Zeichen episkopaler Arroganz, sich durch die Anliegen der Pfarrerinitiative nicht befragen (ar-rogare) zu lassen. Die Frage nach einem pastoral sensiblen Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten ist ebenso dringlich wie die Erneuerung der Gemeindestrukturen.

Es hilft nicht, Schüller und seinen Anhängern den Mund zu verbieten, es hilft auch nicht, wenn der bekundet, keinen Millimeter von seinen Forderungen abzurücken. Ein Gespräch ist nur aussichtsreich, wenn beide Seiten hörbereit sind. Nachdenklichkeit und Gelassenheit würden nicht schaden. Der zweite Aufruf der Pfarrerinitiative, „Protest für eine glaubwürdigere Kirche“, weist in die richtige Richtung, wenn er den Blick auf die Fragen der Pastoral lenkt und aggressive Töne vermeidet. Die Kirche ist dazu da, öffentlich für das Evangelium Zeugnis abzulegen – das ist der Sinn des lateinischen Wortes pro-testari. Statt die mediale, defizitorientierte Außensicht zu verdoppeln, wäre es Zeit für einen Blickwechsel. Wenn die Kirche esoterikresistent sein und der sanften Verblödung gegensteuern will, muss sie ihr Credo neu ins Gespräch bringen. Nur so kann sie ihrem Auftrag, Licht für die Welt zu sein, nachkommen.

Jan-Heiner Tück ist Professor für Theologie an der Universität Wien. Von ihm ist soeben erschienen: „Risse im Fundament? Die Pfarrerinitiative und die Debatte um die Kirchenreform“ (Reihe: Theologie kontrovers),
Herder, Freiburg 2012, 236 Seiten. Das Buch enthält unter anderem Beiträge von Christoph Kardinal Schönborn, Helmut Schüller, Medard Kehl, Veronika Prüller-Jagenteufel, Eberhard Schockenhoff, Christian Stoll, Jan-Heiner Tück, Paul Michael Zulehner.

Erschienen in:
Ausgabe 21/2012
Redakteur:
Jan-Heiner Tück ()
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Außenpolitik, Ethik