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Haltung, bitte!

Den Käfig öffnen!

Aus: Ausgabe 02/2012

„Meine Großmutter spricht immer nur über sich. Immer die gleichen Geschichten vom Krieg! Mittlerweile schreibe ich ihr lieber, als anzurufen. Es ist anstrengend, immer das Gleiche zu hören. Wie kann man ihr gerecht werden, ohne ständig genervt die Augen zu verdrehen?“ Maren S., Bonn

Eine Frage müssen Sie beantworten, bevor Sie sich eine Haltung dazu überlegen: Lebt Ihre Großmutter in der Geistesgegenwart oder hat sich ihr Gedächtnis in ihre Jugend verflüchtigt? Wenn sie Anzeichen von Demenz zeigt, müssen Sie vor allem eines lernen: Ihrer Großmutter in der Welt zu begegnen, in die sie sich zurückgezogen hat. Groll oder gar Erziehungsversuche helfen nichts. Sie machen alles nur schlimmer. Erfreut Ihre Großmama sich aber geistiger Gesundheit, dann haben Sie als Enkelin durchaus das Recht, ihr gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dass Sie gerne ein echtes Gespräch mit ihr führen wollen. Manchmal hilft es schon, genauer nachzufragen. Wie fühlt sich ein kleines Mädchen in den Bombennächten? Was ist ihm auf der Flucht zugestoßen? Was hat Ihre Großmutter Schreckliches gesehen, das die Geschichten der Enkelin so belanglos werden lässt? Machen Sie sich klar, dass die Generation der Kriegskinder oft traumatische Erfahrungen gemacht hat. Die verdrängten Bilder kommen im Alter zurück wie ein Horrorfilm, der nicht aufhören will. Wer diese Bilder nicht loswird, lebt hinter ihnen wie hinter einem Käfig aus Albträumen. Brechen Sie die Erzählrituale auf, indem Sie wirkliches Interesse zeigen. Achten Sie auf die Geschichten hinter den Geschichten. Es wäre nicht das erste Mal, dass den Enkeln gelingt, was den Kindern nie gelungen ist, weil sie sich nicht genug für das Schicksal der Eltern interessierten oder weil die Abschottungsstrategien der verletzten Seelen zu gut funktionierten: einen Zugang zu legen in eine düstere Welt, die im Wohnzimmer der Großeltern, zwischen Couch, Nippes und Fernseher, allgegenwärtig ist. Vielleicht erfahren Sie so, wie es Ihrer Großmutter wirklich geht. Dann können Sie ihr auch ohne Vorwurf signalisieren, dass Ihnen am Rat und an der Lebenserfahrung der alten Frau in Ihrem Leben wirklich liegt. Vielleicht kann Ihre Großmutter sich dann auch auf die Welt der Enkelin einlassen.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik