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Haltung, bitte!

Das tote Haus

Aus: Ausgabe 26/2011

„Vor zwei Jahren hat sich in seiner Wohnung ein junger Mann erhängt, den alle, auch die Kinder, im Haus sehr mochten und an den wir alle oft denken. Aber wir reden nicht über ihn. Nun ist eine Frau mit ihrer achtjährigen Tochter in die Wohnung eingezogen und wir wissen nicht, wie wir uns ihr gegenüber verhalten sollen.“

Stellen Sie sich vor, eine Achtjährige kommt verängstigt vom Spielen nach Hause: „Mama, wir wohnen in einem Geisterhaus. Hier spukt es. Wir können hier nicht wohnen.“ Man braucht nicht an Gespenster zu glauben, um in einem Geisterhaus zu wohnen. Kinder haben einen sechsten Sinn für Verschwiegenes und Erwachsenengeheimnisse. Der traurige Tod Ihres ehemaligen Nachbarn ist so ein Geheimnis, so eine verschwiegene, unheimliche Geschichte, auf die Kinder sich einen eigenen Reim machen. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass das kleine Nachbarmädchen auf dem Spielplatz oder auf dem Schulhof davon erfahren wird, allerdings so, wie Kinder solche Geschichten eben erzählen. Das wollen Sie sicher nicht riskieren, oder? Da ist es besser, Sie ergreifen selbst die Initiative und erzählen der Mutter von der Vorgeschichte der neuen Wohnung und ihres ehemaligen Mieters. Versuchen Sie, von dem verstorbenen Nachbarn so zu erzählen, dass nicht sein schreckliches Ende der Mutter im Gedächtnis bleibt.


Darüber zu reden ist sicher nicht einfach für Sie. Vielleicht war es einfacher, mit der leeren Wohnung zu leben, die an die Leere erinnert, die der unglückliche junge Mann zurückgelassen hat. Aber mit den neuen Mietern kommt auch eine Chance für die Hausgemeinschaft, den Toten in lebendiger Erinnerung zu halten, ohne ein Gespenst aus ihm zu machen, dessen unsichtbare, unbesprechbare Anwesenheit in jedem Winkel des Treppenhauses zu spüren ist. Im Erzählen wird wieder ein Mensch aus Fleisch und Blut aus ihm, vielleicht ein getriebener oder ein zutiefst unglücklicher, aber ein Mensch, zu dem auch seine Nachbarn gehörten. Erwecken Sie ihn zu neuem Leben, indem Sie von ihm erzählen. Seine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Erinnern Sie sich an kleine Begebenheiten. Welche Eigenarten machten diesen Menschen liebenswert? Das hilft nicht nur den Kindern, die sicher jede Menge Geschichten dazu beitragen können. Das hilft Ihnen und es hilft dem ganzen Haus. Und natürlich hilft es auch den beiden neuen Mietern, in dem neuen Haus ein Zuhause zu finden.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur für Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr: haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 26/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Familie, Tod