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Sein Motiv: Richard Wagner

Das Recht auf Rausch

Aus: Ausgabe 02/2013

Das ganze Jahr Wagner auf allen Kanälen. Der Herr des Rings hat Geburtstag und wird gefeiert. Doch was würde der Meister selbst zu dem Trubel um ihn sagen?

Illustration: Scharwel/dieKleinert. de

2013 wird sein Jahr: neue Biografien, neue Inszenierungen, vielleicht ein neuer Streit in der Sippschaft. Vor 200 Jahren kam der Begründer des Wagner-Clans in Leipzig zur Welt. Genau genommen ist sein Geburtstag erst am 22. Mai, aber wer nimmt es in Heiligenangelegenheiten schon ganz genau? Bei Wotan! Wir wollen schließlich nicht die Letzten sein im Zuge der pränatal-posthumen Gratulanten.

Doch wie gratuliert man einem Global Pathos-Player? Einem, der Pilger um sich scharte und nicht bloß Zuhörer. Die deutschen Wohnstuben mit Hausmusik zu erobern war ihm zu wenig. Er wollte die Welt. Seine internationale Gemeinde jettet darob mitnichten zu irgendeinem Musikfestival, sie wallfahrtet zu einem Hügel in der fränkischen Provinz. Dort fiebert sie auf Klappstühlen der Erlösung entgegen. Der Gemeinde offenbart sich eine musikalische Bergpredigt, nur böser als die von Jesus. Wie böse Worte und Werke wirklich sind, darüber werden sich die Wissenschaftler sogar im Jubeljahr wieder streiten. Unerhört martialisch sind Wagners Melodien, aber auch unerhört zerbrechlich, niederste Instinkte und das höchste der Gefühle trieben ihn an. Sein Siegfried schmiedet im Ring am extragehärteten Drachentöter-Schwert, Richard selbst trug schon mal gern hauchzarte Damenwäsche. Diktatoren liebten seine Musik; der Anarchist liebte allenfalls das Geld der Diktatoren.

„Kinder, schafft Neues!“, rief der Künstler einst seinen Nachfahren zu. Den Pilgern wurde im Laufe der Jahre einiges an Innovationsanmutung zugemutet: Götter mit Hakenkreuz, Isoldes mit Lockenwicklern und Parsifals mit Wurmbefall. Die Gemeinde blieb trotzdem treu. Sie glaubt, wie das Genie selbst, an das Recht auf Rausch. Erst recht, wenn drei Wochen vor Wagners Geburtstag das Recht auf Rauchfreiheit in Kraft tritt.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Kultur