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Haltung, bitte!

Das geht alle an

Aus: Ausgabe 22/2013

„Bei uns steht eine große Familienfeier ins Haus, mit vielen Verwandten und Freunden. Nun hat meine Mutter verfügt, wir sollten nicht über Politisches reden, ihr sei das letzte Fest noch in schlechter Erinnerung, weil es da so hoch hergegangen sei. Unser Vater war Stadtrat, deshalb ist Politik immer ein Thema gewesen. Nun ist er seit zwei Jahren tot. Sie wolle diesen ständigen Streit nicht mehr, sagt sie. Politische Kämpfe gehörten nicht an eine festliche Tafel. Finden Sie das auch? Lisa W., Detmold

Wie hoch geht es denn her in Rede und Gegenrede der Parteien zwischen Braten und Erbsengemüse? Werden Türen geknallt und Stühle umgestoßen? Fallen Worte, für die die Kinder normalerweise getadelt werden? Werden Freundschaften gekündigt und neue Koalitionen geschmiedet? Wenn Politik das ist, was uns alle angeht und nicht nur die da oben in den Rathäusern und Parlamenten, dann wüsste ich nicht, wieso ausgerechnet dieses Thema ausgespart bleiben sollte, wenn die Familie zusammentrifft. Es spricht für Ihre Familienbande, dass Sie es auf engagierte Diskussionen ankommen lassen. An wie vielen Festtischen wird allerhöchstens noch freundlich geschwiegen oder die Scheidung von Tante Anna durchgehechelt. Und in Stilseminaren, wo gutes Benehmen teuer ist, wird geraten, über Politik und Religion solle man besser nicht reden.

Dieses Gebot ist Ausdruck einer tiefen Angst vor Auseinandersetzung. Aber diese Angst scheint Ihre Mutter nicht zu haben. Eher schon vermisst sie ihren Mann, der vermutlich Wortführer in den rhetorischen Streitgefechten gewesen ist. Will sie nicht, dass er in der Abwesenheit zu dominant wird, weil es um seine Lebensthemen geht? Dann ist ihre Bitte Ausdruck des Schmerzes. Vielleicht ist es aber auch so, dass ihr die Rolle der ewigen Streitschlichterin zukam, die die erhitzten Gemüter mühsam wieder abkühlen musste. Hat sie genug von der nachfestlichen Familiendiplomatie? Hat sie sich ins Getümmel gestürzt oder war sie nur die Dame des Hauses, die dafür sorgte, dass sich alle wohlfühlten im Streit um das letzte Wort? Fragen Sie Ihre Mutter doch. Es ist doch unwahrscheinlich, dass sie wirklich will, dass ihre Liebsten sich einen ganzen Tag lang verstellen und so tun, als seien sie keine Familie, die sich um das Politische sorgt.

Erschienen in:
Ausgabe 22/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch