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Haltung, bitte!

Das Altern üben

Aus: Ausgabe 43/2013

„Eine sehr nette Kollegin von mir feiert nun schon seit mehreren Jahren ihren 38. Geburtstag. Ich finde es ziemlich albern, das wahre Alter zu verschweigen. Soll ich trotzdem mitspielen? Kränken oder bloßstellen will ich sie nicht, aber mich ärgert diese Show.“ Kordula Z., Saarbrücken

Es gibt sie noch, die Frauen, die ihr Alter ab einer gewissen Zahl von Jahren auf vornehme Wiederholung setzen. Das suggeriert zumindest für eine Weile Ewigkeit. Wer sein Alter konsequent vertuschen will, sollte allerdings gar keinen Geburtstag feiern. Dass Ihre Kollegin so weit nicht geht, spricht für eine Mischung aus Eitelkeit und Empfindlichkeit, wenn es um die Akzeptanz der Lebensphase angeht, die in der Beratungsliteratur wohlig „Mitte des Lebens“ genannt wird.

Ist die Zahl auf der Geburtstagskarte noch so wichtig, wo vierzig doch das neue dreißig ist und 25-Jährige sich die Haare silbergrau färben, wenn das richtige Magazin es für angesagt hält? Offenbar ja. Da können die Medien noch so viel von der Sexiness der erfahrenen Frauen reden, von der natürlichen Schönheit der in Würde Gereiften und von der Ausstrahlung, die von innen kommt.

Geburtstage sind nur für Kinder unambivalent fröhliche Feste. Für viele Erwachsene ist dies ein Tag der Traurigkeit, ja der Angst vor der eigenen Endlichkeit. Möglich, dass Ihre Kollegin sich der Melancholie, die mit dem Älterwerden kommt, schlicht entziehen will. Handfeste Altersdiskriminierung ist ja eher unwahrscheinlich. Dazu bräuchte es ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel. Gut, dass Sie es dennoch nicht auf Demaskierung anlegen. Vielleicht können Sie etwas gegen die Selbstdiskriminierung tun, die mit der Unfähigkeit einhergeht, sich auch als Frau von über vierzig zu akzeptieren.

Dafür ist der Geburtstagsumtrunk im Büro nicht der richtige Moment. Aber vielleicht hilft ja ein Kaffee in der Pause und ein ehrliches Gespräch über die eigene Sorge vor dem Älterwerden, über geprägte Altersbilder und den Druck, jung und begehrenswert erscheinen zu müssen. Manchmal reicht auch schon eine ironische Bemerkung über das Grau auf dem eigenen Schopf.

Erschienen in:
Ausgabe 43/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Lebensstil