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Ritiual

Darf man Kinder taufen?

Aus: Ausgabe 30/2012

Das Beschneidungsurteil betrifft vordergründig Juden und Muslime. Dahinter steht aber auch die grundsätzliche Frage, ob Eltern die Religion ihrer Kinder bestimmen dürfen. Selbst im Christentum ist das umstritten. Raoul Löbbert fordert die freie Entscheidung, Christiane Florin verteidigt das Recht auf Erziehung

Federico Gambarini/DPA/picture-alliance

Es mag nur ein kleiner Schnitt sein, doch es geht um so viel mehr. Die Debatte um das Kölner Beschneidungsurteil zeigt: Hier sind nicht nur Juden und Muslime betroffen, hier ist ein gesellschaftlicher Nerv berührt. Denn die Frage, die es aufwirft, ist grundsätzlich: Wie freiwillig kann, darf, muss Religion sein? Wenn etwa ein kleiner Schnitt an einer zugegeben heiklen Stelle bereits ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes ist, was ist dann mit der seelischen Unversehrtheit? Immerhin werden Kinder im Christentum getauft, ohne gefragt zu werden. Justiziabel oder gar ein Fall für den Gesetzgeber ist das zum Glück nicht, diskutabel ist es allemal. Und tatsächlich ist die Frage, ob Säuglinge bereits zu Christen getauft werden sollen, so alt wie das Christentum. So mahnt schon Tertullian im dritten Jahrhundert: Kinder „mögen Christen werden, sobald sie imstande sind, Christum zu kennen“. Während der Reformation wurde dann aus der vereinzelten Kritik eine Bewegung, die Täufer, die sowohl von protestantischer wie katholischer Seite bekämpft wurden. Dabei wiesen die Täufer nur auf das Offensichtliche hin: Es gibt keine biblische Legitimation für die Säuglingstaufe. Im Gegenteil: Alle wichtigen Taufen im Buch der Bücher sind Erwachsenentaufen. Das persönliche Bekenntnis ist hierbei Grundvoraussetzung zur Erlangung des Heils. Auch die Kirchenväter fanden mehrheitlich erst als Erwachsene zu Gott. So auch Augustinus, der in seiner Jugend ein Playboy war.

Ausgerechnet Augustinus nun lieferte die theoretische Grundlage für die heutige Taufpraxis: Die Taufe erlöse von der Erbsünde, so Augustinus. Und da man einem Säugling mit so etwas Hässlichem nicht gleich das Leben belasten will, wird er halt prophylaktisch erlöst. Schwer nachvollziehbar, aber wahr: Andere, die Eltern, die Taufpaten, verpflichten sich dabei, das Kind zu dem zu erziehen, was es qua Taufe offiziell bereits ist – ein Christ. Dass die Entscheidung richtig war, darf das Kind dann bei der Firmung bestätigen. Was mal als radikaler Ausdruck der Freiwilligkeit begann, hat zweitausend Jahre später nichts mehr damit zu tun.

Natürlich ist der Mensch nie völlig frei. Wer Glück hat, wird von den Eltern geprägt, die einem ihre Werte und Erfahrungen fürs Leben mitgeben wollen. Was man davon annimmt oder nicht, entscheidet aber jeder irgendwann selbst. Es ist also ein Trugschluss, zu glauben, dass Werte aufgrund von Verordnungen oder Traditionen gelebt werden. Letztendlich beruhen sie auf Einsicht, auf Freiwilligkeit. Das betrifft ganz besonders etwas so Intimes wie den Glauben, wo es gleichermaßen um Gefühl, Seele und Verstand geht. Die Säuglingstaufe nun schreibt das Ergebnis dieses Selbstfindungsprozesses fest, bevor er überhaupt stattfinden kann. So paradox ist angewandtes Christentum heute!

Hinzu kommt: Den Eltern und Taufpaten wird eine kaum mehr erfüllbare Verantwortung aufgebürdet. Sie müssen, erstens, im christlichen Glauben so gefestigt sein, dass sie ihn, zweitens, in den Säugling gießen können, als wäre er ein Gefäß, das man nur zu füllen braucht. Vom Zwangscharakter abgesehen: Welches Elternpaar ist dazu heute überhaupt in der Lage? Wer weiß denn, was das eigentlich ist: die Erbsünde? Und selbst wenn: Kaum ein stolzes Elternpaar will doch heute noch glauben, dass sein Kevin, Justin oder Friedrich-Maximilian sündhaft ist von Grund auf. Dabei gehört die Erbsünde zu den christlichen Basics! In einer sich zunehmend säkularisierenden Gesellschaft jedoch geht das Wissen um den Glauben immer mehr verloren, und das nicht nur bei denen, die bereits aus der Kirche ausgetreten sind.

Natürlich sollte man nicht päpstlicher sein als der Papst. Die Taufe ist Ritual, Tradition, ein Fest des Lebens: Schön, dass du geboren bist, du Christ! So etwas wärmt das Herz, und ist das nicht auch Christentum? Natürlich ist es das. Und es wäre auch nichts gegen einen Säuglings-Segen zu sagen, wenn die Taufe eben nur das wäre. Sie ist aber vor allem die Aufnahme in die Gemeinde und per definitionem unumkehrbar. Der Kirchenaustritt erspart einem, grob vereinfacht, nur die Gebühren, nicht aber die Mitgliedschaft. Nimmt man die Taufe deshalb als Ritual ernst, ist sie eine Kaufverpflichtung für das komplette Paket – nur geht sie jemand anders für einen ein. Dabei sollte man selbst wissen, was man sich einhandelt. In der katholischen Kirche etwa muss ein noch nicht getaufter Erwachsener vor der Taufe das sogenannte Katechumenat durchlaufen, eine Vorbereitung für die Aufnahme in die Kirche. Der Katechumene ist dabei dazu gezwungen, sich mit Gott und Glauben auseinanderzusetzen, bevor er sich entscheidet – und das ist gut so. Solche Entscheidungen gehen tiefer, gerade weil man sie sich so schwer macht.

Was spricht eigentlich dagegen, allen Menschen und potenziellen Christen diese Freiheit von vornherein zuzugestehen? Warum diese Angst vor dem mündigen Individuum? Ist es die Angst, auf dem Markt der Religionen nicht bestehen zu können? Fürchtet man sich vor der Herde der Überzeugten, weil die ziemlich klein ausfallen könnte? Oder spiegelt sich gar im Festhalten an der Säuglingstaufe, zu der sich schon jetzt immer weniger Eltern entscheiden, der alte Traum von der Volkskirche, die beide Kirchen längst nicht mehr sind? Natürlich ist noch ein weiterer, ziemlich weltlicher Grund denkbar: Geld. Denn nur wer getauft ist, zahlt Kirchensteuer.

Was auch immer es ist: Als Machtinstrument einer Institution war die Taufe nie gedacht. Sie sollte ein Bekenntnis sein nach innerer Prüfung. Diese Prüfung mag schwierig sein, das Bekenntnis an sich jedoch ist eindeutig: Ja, ich bin Christ – oder nein, ich bin’s nicht. Und ist es nicht das, wofür auch Benedikt XVI. als Papst wie als Theologe Joseph Ratzinger immer eingetreten ist: einen eindeutigen Glauben?

Auf seiner Deutschlandreise im vergangenen Jahr forderte Benedikt XVI. eine „Entweltlichung“ der Kirche. Was genau darunter zu verstehen ist, diktierte er aber gerade nicht von oben herab seinen Schäfchen ins christliche Selbstverständnis. Vielmehr war es ein Aufruf zu einer gemeinsamen Suche – nach mehr Eindeutigkeit, Freiheit und einem tieferen Verständnis des Glaubens. Benedikts „Entweltlichung“ könnte hier beginnen: bei der Taufe.

Wie freiwillig muss also Religion sein? – So freiwillig wie möglich!

Erschienen in:
Ausgabe 30/2012
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
keine