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Leidartikel

Danke, Rudi

Aus: Ausgabe 07/2012

Der frühere Schalke-Manager Assauer hat Alzheimer und erzählt in einem Buch davon. Auch andere Prominente legen freimütig Krankheits-Bekenntnisse ab. Warum interessieren wir uns dafür?

Kann Alzheimer den Schlaganfall schlagen? Nächste Woche wissen Bestsellerlistenleser mehr. Noch steht die Komikerin Gaby Köster mit ihrem Buch „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ auf Platz 14, aber wahrscheinlich wird der frühere Schalke-Manager Rudi Assauer mit seinem Bekenntnis „Wie ausgewechselt“ an ihr vorbeiziehen. Dank „Bild“, „Volle Kanne“, „37 Grad“ und den Meta-Mitfühltexten in den nicht exklusiv bedachten Medien weiß jeder, dass der Macho aus der Bierwerbung an Alzheimer leidet. Das dürfte ihm einen Champions-League-Platz in der Verkaufstabelle sichern.

Rudi Assauer war fast vergessen nach seinem Abschied von Schalke. Nun hat er sich einwechseln lassen in eine Partie, die schon länger läuft. Es ist ein Spiel, das Ernst macht, bisweilen todernst: Da treten vor großem Publikum insuffiziente Promi-Herzen gegen versehrte Star-Hirne an, berühmte Lungen wetteifern mit populären Brüsten, Nahtode drängen ins Fernsehen. Schicksalsschlaglichter müssen Flut- und Rampenlicht ersetzen.

Kranke Promis lassen uns vergessen, dass der Tod normal ist. Wenn sie erzählen, sieht die Endlichkeit des Daseins wie eine Sensation aus. Weil ihr Leiden schön weit weg ist, kann es uns nahegehen. Aber wir Krankheitsgeschichtenkonsumenten sind anspruchsvoll. Wir wollen uns nicht zu Tode langweilen. Vor einigen Jahren fanden wir noch Krebsbücher sehr bewegend. Da erklärte der sterbenskranke Theatermann Christoph Schlingensief dem Leben trotzig seine Liebe mit dem Titel „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“. Da schrieb der Journalist Georg Diez über den Tod seiner Mutter, da erzählte die Moderatorin Miriam Pielhau in „Fremdkörper“ vom Tumor in ihrer Brust. „Lasst mich mit eurem Krebs in Ruhe!“, schrie der „FAZ“-Kritiker Richard Kämmerlings.

Der Krebs verschwand danach zwar nicht aus dem Leben, aber aus den Büchern. Wir Leser wollten nicht in den Körper der anderen blicken, wir wollten ihre Seele. Die saß bis dato nur auf der medialen Reservebank. Doch seit sich Nationaltorwart Robert Enke das Leben nahm, hat die Depression einen Stammplatz auf den Titelseiten, dicht gefolgt vom Burn-out-Syndrom. Das allerdings steht im Verdacht, eine Fortsetzung der Business-School mit medizinischen Mitteln zu sein: „Mein MBA, mein Hongkong-Office, mein Burn-out“. Das Ausgebranntsein wird langsam out, es ist die Polo-Partie unter den Leiden. Schlaganfall und Alzheimer dagegen sind wie Fußball, echte Volkskrankheiten, danach steht uns zurzeit eher der Sinn.

Das morbide Spiel ist noch lange nicht zu Ende, auch wenn sich viele Spielzüge wiederholen. Warum gucken wir bloß immer wieder hin?

Der edle Grund hieß einmal Mitleid, heute sagt man Empathie. Das klingt kontrollierter, aktiver, das passt besser zu uns. Die Krankheit der anderen lässt uns spüren, dass wir überhaupt noch etwas spüren. Selbst in dieser kalten Wirtschafts-, Sport- und Medienwelt haben wir uns einen Rest Menschlichkeit bewahrt. Das macht stolz. Sogar Journalisten verkneifen sich den branchenüblichen Zynismus und schreiben dem kranken Rudi Assauer all die warmen, weichen, einfühlsamen Porträts, die sie dem gesunden Frauenhelden stets verweigert haben.

Die Krankheit ist zudem ein großer Gleichmacher. Sie verschont nicht die Schönen, Reichen und Einflussreichen. Sie bleibt unberechenbar, aber, weil sie jeden treffen kann, auch sozial gerecht. Krankheitsbilder, erst recht die der Stars, stabilisieren unser Gesellschaftsbild.

Prominente können sich kaum noch wie dereinst Marlene Dietrich jahrelang malade ins Bett legen, um den Mythos zu retten. Vermutlich bekäme die Frau mit den legendären Blauen-Engel-Beinen heute eine zwölfteilige Magazin-Serie vom Typ „Krampfadern – die unterschätzte Gefahr“. Ein anderer Engel zeigte vor einigen Jahren die Nebenwirkungen dieses Publikationszwangs: Die mittlerweile verstorbene amerikanische Schauspielerin Farrah Fawcett ließ ihre Chemotherapie filmen und die Bilder ins Internet stellen. So wollte sich der Star aus der TV-Serie „Drei Engel für Charlie“ gegen die Paparazzi wehren, die mit riesigen Zoom-Objektiven am Ausgang der Onkologie lauerten.

Wir Krankheitskonsumenten haben uns, wie Hunderttausende andere, diese Bilder guten Gewissens angesehen. Voyeure, die scharf auf Krankenbettszenen sind? Wir doch nicht! Krebs, Depression und Demenz publik zu machen gilt als Aufklärung, als staatsbürgerliche Pflicht. Mit jedem Buch, jeder Talkshow und jedem Zeitungsartikel wird „öffentliches Bewusstsein“ geschaffen.

Das „öffentliche Bewusstsein“ ist die Religion einer säkularisierten Gesellschaft, die nicht mehr an letzte Gewissheiten glauben mag. Bis zur Bewusstlosigkeit redend, vertreibt sie sich die Angst vor der letzten Ungewissheit.

Unsere Empathie ist brutal: Wenn Millionen Menschen über die gerade angesagte Krankheit reden, darf sich kein Kranker mehr allein fühlen. Er darf nicht auf einen Gott hoffen, der ihn trägt, er darf sich nicht in eine Bedenke-dass-du-sterblich-bist-Demut fügen. Der Kranke muss Mut machen, anderen Betroffenen und vor allem uns. Die Nachrufe auf Christoph Schlingensief erweckten den Eindruck: Da hat jemand mit seinem Krebs die Menschheit erlöst, da ist jemand für uns gestorben. Auch der Leidende soll etwas leisten, mindestens als Vanitas-Symbol. Wenn Schalke-Held Assauer genug öffentliches Bewusstsein geschaffen hat, profitiert auch der nicht öffentliche Alzheimer-Patient Rudi Namenlos im Pflegeheim am Gelsenkirchener Stadtrand davon. So lautet das säkulare Heilsversprechen.

Das möchten wir gern glauben. Und spüren doch, dass sich Krankheit und Tod gerade nicht ins öffentliche Bewusstsein auslagern lassen. Sie bleiben sehr privat. Wenn uns selbst eines Tages Demenz, Krebs oder Depressionen erwischen, wird uns nicht die neue Facebook-Chronik-Funktion helfen, unsere Würde zu wahren. Eigentlich wollen wir dann nur, dass jemand bei und mit uns ist. Einer, der uns nicht vergisst. Der Geduld mit uns hat. Der uns nicht von einem Talksessel in den nächsten schubst.

Trotzdem: Danke, Rudi.

Erschienen in:
Ausgabe 07/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Kultur, Ethik, Medien, Tod, Lebensstil