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Haltung, bitte!

Dämliche Dame

Aus: Ausgabe 43/2012

„Vor ein paar Tagen habe ich in einem voll besetzten Bus meinen Sitzplatz einer älteren Dame überlassen wollen. Ich wollte nur nett sein. Da hat die Frau mich angeblafft und böse geguckt. So alt sehe sie doch noch nicht aus. Ob ich sie beleidigen wolle. Meine Großmutter hat gesagt, ich kann Sie fragen, ob man jetzt besser nicht mehr höflich sein solle. Ich bin 12.“ Luise B., Saarbrücken

Liebe Luise, die meisten Menschen würden sich riesig freuen, wenn sie, statt im vollen Bus von links nach rechts zu torkeln, gemütlich sitzen könnten. Von mir hättest Du ein erleichtertes „Dankeschön!“ bekommen, obwohl ich noch nicht ganz so alt bin. Oder ist das Alter inzwischen eine Frage der Perspektive? Vermutlich bin ich aus deinem Blickwinkel auch schon eine ziemlich alte Schachtel. Aber da du Deinen Platz im Bus ja nicht unbesehen geräumt, sondern einer bestimmten Person angeboten hast, gehe ich mal davon aus, dass die Dame über dreißig war. Und auch wenn nicht, ist ihre Reaktion ziemlich dämlich. Vermutlich ist sie mit dem linken Fuß aufgestanden, hat eine neue Runzel im Gesicht entdeckt oder einfach einen schlechten Tag gehabt.

Vielleicht hat sie jemand an der Bushaltestelle angerempelt und sie eine „alte Schachtel“ geschimpft. Oder sie mag sich im Moment einfach nicht. Das geht Dir ja vielleicht manchmal auch so. Dann bist Du gemein zu anderen, obwohl Du dich selbst gerade blöd findest. Bei Erwachsenen ist das leider auch noch so. Manche mögen sich nicht mehr, weil sie sich vor dem Älterwerden fürchten. Dich für Deine schöne Geste zu beschimpfen ist allerdings ein starkes Stück. Und sehr kindisch. Doch glaub mir, solche Reaktionen werden die Ausnahme bleiben. Mit ein paar respektvollen Taten kannst Du Leute sogar regelrecht glücklich machen. Was grinst Du denn so glücklich?, fragte ich neulich meine Nachbarin. „Mir hat ein Junge eine schwere Eisentür aufgehalten. Mit aller Kraft, die er hatte. Das hat mir den Tag gerettet.“

Deine Großmutter wird Dich sicher auch darin bestärkt haben, sich von den kleinen Taten der Höflichkeit nicht zu verabschieden, nur weil eine Erwachsene sich danebenbenommen hat. Höflich zu sein ist ja nichts anderes, als sich für einen Moment in den anderen hineinzuversetzen und ihm das Leben leichter zu machen. Das gelingt auch Erwachsenen leider nicht immer. Da helfen ihnen Vorbilder, wie Du eines bist.

Erschienen in:
Ausgabe 43/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Lebensstil