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Haltung, bitte!

Bürger unter Strom

Aus: Ausgabe 24/2012

„Ich bin immer schon gegen Atomkraftwerke gewesen und freue mich über die Energiewende. Jetzt gibt es Gerüchte, dass eine neue Leitungstrasse in der Nähe meines Wohnortes vorbeiführen soll. Für mich wäre der Ausblick auf Stromleitungen in der schönen Landschaft unerträglich. Kann ich mich dagegen engagieren, so wie ich früher gegen Atomkraftwerke demonstriert habe?" Georg S., Bad Gandersheim

Ihre Frage klingt so, als hätten Sie sich selbst ertappt. Zack, da ist die Glaubwürdigkeitsfalle zugeschnappt. Sie sind in guter Gesellschaft. Die meisten Deutschen sind froh über die Aussicht, dass die Atommeiler abgeschaltet werden. „Alternative Energien“ sollen sich durchsetzen, die den Beinamen „sauber“ tragen. Das klingt schön, aber Offshore-Anlagen und Starkstromleitungen vom hohen Norden in den energiehungrigen Süden entsprechen nicht der romantischen Vorstellung von deutschem Wald und grünen Auen. Die Energiewende verheddert sich im Netz kommender Bürgerproteste, Leitzordnern voller Sammelklagen und sich sammelnden Protestbewegungen. Die Bürger stehen unter Strom. Der soll zwar weiter aus der Steckdose kommen, aber wer will schon durch den Berieselungsnebel des elektrischen Rasensprengers auf die eisernen Riesen schauen, die den Strom durchs Land leiten? In der Perspektive der Heimwerker ist die Sache klar: Einfach die Kabel unter die Erde verlegen. Das ist aber um ein Vierfaches teurer. Die Netzbetreiber dagegen fürchten nichts mehr als Bürgerbeteiligung. So entsteht prophylaktischer Kampfgeist, obwohl nicht einmal die künftigen Trassen der 3000 Kilometer Stromleitungen genau feststehen.

Wir stecken alle in diesem doppelten Dilemma. Wir wollen saubere, preiswerte, unsichtbare, risikolose Energie, aber davon so viel wie möglich. Wer die Wende will, muss das eigene Leben ändern. Warum engagieren Sie sich nicht als gewiefter AKW-Veteran zur Abwechslung für etwas: Für einen anderen Umgang mit Ressourcen, für transparentere Verfahren bei großen Infrastrukturprojekten, für unabhängige Gutachten, für lokale Energieträger und für einen bürgerschaftlichen Sinn im Umgang mit der Energiewende, der nicht am eigenen Vorgartenzaun endet.

Erschienen in:
Ausgabe 24/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Lebensstil, Wirtschaft