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Sein Motiv: Das Pferd

Bolognese für Wölfe

Aus: Ausgabe 09/2013

Das Pferd will nicht in die Lasagne. Es will eine staub- und zugfreie Box, freien Ausblick und trockenes Heu, es will andere Pferde um sich haben.

Foto: Christiane Slawik/Juniors

Das Pferd ist in aller Munde. Guten Appetit! Es gibt wieder Rossfleisch, bei Aldi und bei Lidl genauso wie bei Edeka, Kaiser’s, Real und Rewe. Black Beauty in der Bolognese, Pizza Lipizzana, Lasagne con Iltschi, Fury in the Slaughterhouse. Das Pferd ist zurück, und alle wenden sich ab, voller Ekel. Dabei läuft alles nach Standard, europäische Kooperation vom Feinsten, entschieden transnational. In Frankreich wird geordert, in Rumänien geschlachtet, in Deutschland gekauft und gekaut. Lecker! Der Mensch frisst alles. Damals, bei den Griechen, zogen Pferde den Wagen des Helios. Heute sind sie Europas Rindsersatz. Das Leben ist echt kein Ponyhof.

Das heutige Billigfleischtier war mal der wichtigste Freund des Menschen, eine Waffe im Krieg, Verkehrsmittel, verlässlicher Helfer der Bauern. Es war nützlich, genügsam, belastbar, den Menschen lieb und auch ziemlich teuer. Deshalb starb es immer zuletzt – wenn der Nachschub ausblieb, wenn die Steppe zu weit war oder der Winter zu lang dauerte. Wo alles verwertet wurde, hatte auch der Pferdemetzger sein Auskommen.

Das änderte sich, der Nutzen schwand, die Freundschaft blieb. Das Pferd ist längst Haustier, ein Outdoor-Kumpel nicht nur für kleine und größere Mädchen. „Erlebe die edelsten Pferde im herbstlichen Blütenzauber“, empfiehlt Fachblatt „Wendy“ und fragt: „Welches Tournierpferd passt zu dir?“ Aber was passt eigentlich zum edelsten Tier?


Das Pferd will nicht in die Lasagne. Es will eine staub- und zugfreie Box, freien Ausblick und trockenes Heu, es will andere Pferde um sich haben, ab und an Leckerlis bekommen und immer einen guten Reiter. Das reicht dem Gaul zum Glück. Irgendwann, nach 20, 30 Jahren, kommt er in den Pferdehimmel. Da wächst viel Gras, da gibt es fröhliche Fohlen, tolle Stuten, prächtige Hengste, prima Bäume zum Schubbern. Wölfe gibt’s auch, aber die fressen Dosenfleisch von Aldi, Lidl oder Real. Wie wir. Und denen schmeckt’s auch.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2013
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Innenpolitik, Außenpolitik, Ethik, Lebensstil, Wirtschaft