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Haltung, bitte!

Blöde Puten

Aus: Ausgabe 25/2012

„Meine Tochter ist neun Jahre alt und liest immer noch sehr schlecht und ungern. In ihrem Alter habe ich schon Bücher verschlungen. Ist es in Ordnung, wenn ich ihr für jedes gelesene Buch fünf Euro gebe? Meine Freundin macht das so.“ Ursel B., Dortmund

„Wer lesen kann, hat den Schlüssel zu großen Taten und unerträumten Möglichkeiten.“ Das sagt der Schriftsteller Aldous Huxley. Heute wird Lesen als Kulturtechnik angepriesen, die „so wichtig ist wie Zähneputzen“ und außerdem über Lern- und Berufserfolge der Kinder entscheidet. Hand aufs Herz: Wer will seine Nachmittage mit etwas verbringen, das mit dem Zähneputzen verglichen wird? Lesen wird so zu einer Art Schulversagensarbeitslosigkeitsprophylaxe. Die Leidenschaft für Bücher kommt mit dem Erfolg, also mit der Erfahrung, dass die aneinandergereihten Buchstaben eine Geschichte verbergen, die so spannend ist, dass die Lettern in den Hintergrund geraten vor Neugier auf den Fortgang der Erzählung. Deshalb mag so eine Belohnung verlockend sein. Doch verstärkt sich bei dieser Überredungsstrategie durch Euros bei dem Kind nicht der Gedanke, Lesen sei erstens Arbeit und zweitens etwas, was man den Erwachsenen zuliebe macht?

Aus diesem Kreislauf von Leistung und Bezahlung kommen Sie nicht mehr heraus. Für das kleine Mädchen wird sich der Eindruck verstärken, es lese für die Lehrer und Eltern. Außerdem leistet dieses Bonussystem der Ökonomisierung aller Lebensbereiche Vorschub, die wir ansonsten geißeln. Lesen Sie lieber eng aneinandergekuschelt am Lieblingsort Ihrer Tochter, jede eine Seite. Lassen Sie Ihre Tochter Bücher aussuchen, die Sie damals noch nicht gelesen haben. Erzählen Sie ihr nicht zu oft, welche Schwarten Sie mit neun verschlungen haben. Lassen Sie ihr rosa Glitzerbücher mit Hauptfiguren, die Sie für blöde Puten halten. Gehen Sie zum Lesen mit Ihrer Tochter in den Garten. Pippi Langstrumpf ist auf der Wiese stärker als am Wohnzimmertisch. Mir hat ein Verbot ins Lesereich verholfen. Wenn abends das Licht ausging, waren Bücher tabu. Ich hatte eine Taschenlampe. Unter der Bettdecke eröffnete sich ein verbotener Raum aus Taten und Träumen.

Erschienen in:
Ausgabe 25/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine