Heilung
Blinde werden sehen - glauben Sie das?
Aus: Ausgabe 19/2012
Jesus kurierte die Kranken, doch das ist lange her. Christ&Welt sucht das Wunder von heute. Hier kommen Menschen zu Wort, die auf Heilung hoffen, die sie versprechen und die sie erlebt haben

„Alles war nur noch schwarz“Gerd Schwesig, 40, Hannover, Sozialarbeiter, seit 25 Jahren blind
An den Tag, an dem ich blind wurde, erinnere ich mich noch genau: Ich war 15. Am Abend zuvor hatte ich schlimme Kopfschmerzen, konnte alles nur noch sehr verschwommen sehen. Schon im Kleinkindalter war bei mir ein Glaukom, also ein grüner Star, festgestellt worden. Trotz Operationen und Medikamenten hatte ich meine Sehkraft immer weiter verloren. Deshalb wussten meine Eltern, was zu tun war, und brachten mich an diesem Abend sofort ins Krankenhaus. Mein Augendruck war viel zu hoch, ich musste sofort operiert werden. „Vielleicht retten wir noch das Hell-dunkel-Sehen“, sagte der Arzt bei der kurzen OP-Vorbesprechung. „Das ist auch schon egal“, dachte ich. Denn ich wusste nicht, welchen Wert ein Sehrest hat – bis ich am nächsten Morgen aufwachte: Alles war schwarz. „Ich will nicht mehr“, dachte ich da. Nicht in dem Sinne, dass ich die konkrete Absicht gehabt hätte, mich umzubringen, aber ich hatte schon sehr resignierende Gedanken: Ich meinte meine Selbstständigkeit vollkommen verloren zu haben. Meine schlimmste Vorstellung war, ab jetzt nicht mehr allein durch die Stadt laufen zu können.
Die ersten drei Tage im Krankenhaus habe ich weder gegessen noch gesprochen. Eine Schwesternschülerin hatte mir nämlich ein Schälchen mit Kirschkompott gebracht. Ich saß im Bett und versuchte es zu löffeln. Wahrscheinlich hatte ich zwei oder drei Kirschen auf einmal auf meinem Löffel. Jedenfalls fielen sie sofort wieder in die Schale zurück und die Kirschsoße spritzte in alle Richtungen. Ich weiß nicht mehr genau, was die Schwesternschülerin daraufhin schimpfte, aber es muss so etwas gewesen sein wie „I, so ein Dreck!“. Und ich dachte mir: „Okay, siehste, es klappt einfach nicht.“ Ich lag nur noch apathisch in meinem Bett. Erst als mein älterer Bruder mir Joghurtgums mitbrachte, habe ich wieder angefangen zu essen.
Ein Jahr hat es gedauert, bis ich meine neue Situation einigermaßen akzeptieren konnte. Mein Glaube war in dieser Zeit immer mal da. Ich habe auch gebetet. Aber mich gefragt, warum Gott das wollte und warum gerade ich das alles aushalten muss, habe ich nie. Dazu sehe ich meine Krankheit zu medizinisch. Ich bringe sie nicht mit Gottes Handeln in Verbindung. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Jesus im medizinischen Sinne Blinde geheilt hat. Wenn die Sehnerven kaputt sind, so wie bei mir, ist nichts mehr zu machen.
Ich glaube, dass der Mann auch nach Jesu Heilung noch im medizinischen Sinne blind war. Aber Jesus hat ihm geholfen, die Welt anders zu sehen, nämlich mit neuem Lebensmut. Der Blinde konnte seine Blindheit nun annehmen. Vielleicht hat ihm Jesus durch seine Zuwendung gezeigt: „Du wirst nicht sehen können, aber du kannst trotzdem zurechtkommen im Leben.“
Wenn ich länger darüber nachdenke, macht es mich allerdings ein bisschen wütend, dass der Blinde nach der Heilung nicht ins Dorf laufen soll. Das ist eigentlich eine Stigmatisierung. Es geht nicht darum, dass alle gesund sind, sondern dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft findet. Die Vielfalt liegt im Anderssein. Aber vielleicht war der Blinde einfach noch nicht stark genug. Die Dorfbewohner hätten ihn immer noch in seiner alten Rolle wahrgenommen und seinen neu gewonnenen Lebensmut sofort wieder zunichtegemacht. Oder ihn gar für verrückt erklärt, wenn er von einer Heilung berichtet hätte. Deshalb hat Jesus, wie man heute sagen würde, auf einen positiven Imagegewinn verzichtet und ihm geraten, nicht ins Dorf zu gehen.
Ich bin nicht neidisch auf den Blinden in der Geschichte. Denn wenn Jesus ihn geheilt hat, im Sinne von ,Er hat ihm eine neue Perspektive gegeben‘, dann ist mir das auch passiert. Dann waren meine Freunde und meine Familie wie Jesus. Sie haben mich ermutigt, trotz Blindheit allein zur Arbeit zu fahren und Freunde zu treffen. Ich habe ein gutes Leben.
„Ich spüre diese Kräfte“ , Heilerin aus Norddeutschland, 58
Mein Namen soll ungenannt bleiben. Ich möchte mich nicht mit meiner Arbeit brüsten. Es gibt zu viele, die sich zu Unrecht Heiler nennen. Wenn mir jemand schon beim Reinkommen von Engeltherapien und Kristallkugeln erzählt, stellen sich meine Nackenhaare auf. Es ist unverantwortlich, wenn Leute, die sowieso schon psychisch labil sind, durch zweifelhafte Therapien noch tüdeliger gemacht werden. Sie begeben sich in eine gefährliche Abhängigkeit, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat.
Es wundert mich nicht, dass immer mehr Menschen nach solchen Therapien suchen. Viele stehen unter Druck: Schon in der ersten Klasse wird Kindern eingeredet, dass sie nur mit guten Noten und Abitur eine Chance auf ein gutes Leben haben. Auch in den Nachrichten wird Angst verbreitet. Und die Ansprüche sind gestiegen: Früher reichten Kartoffeln und ein Stück Brot auf dem Teller, heutzutage muss jeder in den Urlaub fahren und sich modisch anziehen.
Trotzdem: Mit solchem Spökenkram will ich nichts zu tun haben. Ich lege den Leuten die Hände auf, mehr nicht. Warum das hilft und woher ich meine Heilkräfte habe, kann ich nicht erklären. Schon meine Oma hat viele geheilt. Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, spürte sie, dass ich das auch kann. Aber lange Zeit wollte ich nicht. Die Vorstellung, viele fremde Menschen zu behandeln, so wie sie, gefiel mir nicht. Irgendwann war meine Oma alt und hatte nicht mehr genügend Kraft. Als ich die vielen Leute vor der Tür warten sah, wurde mir klar, dass ich helfen muss. Deshalb habe ich nach 17 Jahren bei der Staatsanwaltschaft im mittleren Dienst gekündigt.
Mittlerweile kommen etwa 100 Leute pro Woche zu mir. Manche kommen mit dem Foto eines kranken Angehörigen und bitten um eine Fernheilung, manche haben selbst Gürtelrose, Bandscheibenvorfälle, schlecht heilende Brüche oder sogar Krebs. Ich lege meine Hände auf die kranke Körperstelle, konzentriere mich darauf und sage in meinem Kopf ein kurzes Gebet. Dadurch wird die Körperstelle sehr warm. Etwa eine Viertelstunde dauert die Behandlung. Ob die Krankheit nach einer Sitzung zurückgeht, hängt davon ab, wie lange der Patient sie vorher schon hatte. Und natürlich gibt es auch Krankheiten, bei denen ich sage: „Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird.“ Bei Krebs zum Beispiel. Das ist wirklich eine aggressive Krankheit und ich will den Leuten ja keine falschen Hoffnungen machen. Obwohl es auch da schon funktioniert hat. Ich kann das nicht erklären. Manchmal finde ich es heute noch wahnsinnig, dass ich das kann. Ich kann Gott nur jeden Tag danken und ihn bitten, dass es weiterhin funktioniert. Denn ich kann nur durch Gottes Hilfe heilen. Gott ist für mich das Gute, und wenn man mit seiner Hilfe das Gute aussendet, kommt Gutes zurück und die Leute werden gesund. Deshalb mag ich auch die Bezeichnung „Heilerin“ nicht. Das klingt so, als würde ich mich mit meiner Arbeit brüsten wollen. Aber ich habe diese Gabe nicht bekommen, um abzuheben. Deshalb mache ich keine Werbung und verlange kein Geld.
Mir fällt auf, dass Jesus das in der Geschichte „Heilung eines Blinden“ genauso macht. „Geh nicht in das Dorf zurück“, sagt er dem Blinden. Jesus möchte keine Werbung. So etwas brauchen nur Quacksalber. Trotz dieser Parallele würde ich mir aber nie anmaßen, mich mit Jesus auf eine Stufe zu stellen. Ich bin nur ein Mensch, auch wenn ich eine besondere Gabe habe. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich nicht auch skeptisch bin: Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass Jesus im medizinischen Sinne Blinde heilen konnte, auch wenn ich es bisher so als gegeben hingenommen habe.
Ich wurde so erzogen. Vielleicht hat Jesus ihn nicht körperlich, sondern geistig „sehend“ gemacht: Er sollte nicht in alte Gewohnheiten zurückfallen. Oder der Mann war nicht ganz blind, sondern sah nur schlecht. Zu mir kam mal ein Lkw-Fahrer, der seinen Führerschein abgeben sollte, weil er nicht mehr gut sah. Er kam jeden Tag zu mir. Nach einer Woche hatte er die 10 und 15 Prozent Sehkraft wieder, die ihm gefehlt hatten. Wenn der Blinde nicht blind, sondern sehbehindert war, könnte Jesus ihn geheilt haben. Dass er einen Blinden sehend gemacht oder sogar Tote auferweckt hat, glaube ich nicht. Dazu bin ich viel zu bodenständig.
„Das habe ich noch nie erlebt“ , Christina Georgi, 31, Marburg, psychologische Psychotherapeutin an der Deutschen Blindenstudienanstalt
Mit welcher Absicht die Leute den Blinden wohl zu Jesus gebracht haben? Die Heilungsgeschichte vom Blinden aus Betsaida lässt für mich viele Fragen offen. Warum macht Jesus eine heimliche Aktion daraus und sagt hinterher „Geh nicht ins Dorf“? War der Blinde hinterher froh über seine Heilung? Besonders beschäftigt es mich, ob der Blinde eigentlich zu Jesus gebracht werden wollte. Hat man ihn überhaupt vorher gefragt?
Durch meine Arbeit bemerke ich oft, wie viele Menschen zu wissen glauben, was ein anderer braucht – ohne ihn gefragt zu haben. Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin an einer Schule für Sehbehinderte und Blinde. Die meisten meiner Klienten sind Jugendliche. Die Blindheit als solche ist zwar oft nur ein Randthema im Gespräch, beeinflusst aber natürlich ihren Alltag. Deshalb geht es manchmal genau um die Frage, die auch in der Geschichte eine Rolle gespielt haben mag: Wie gehe ich als Blinder mit Sehenden um? Wie lehne ich Hilfe ab, wenn mir jemand über die Straße helfen will, ich das aber gar nicht möchte? Andererseits kommt jeder Sehbehinderte irgendwann in die Situation, dass er die Unterstützung von Sehenden gut gebrauchen kann. Deshalb muss den Jugendlichen klar sein, dass sie hilfsbereite Leute nicht vergraulen dürfen, auch wenn es ihnen gerade furchtbar auf die Nerven geht. Ein höfliches „Nett, dass Sie gefragt haben, aber im Moment brauche ich keine Hilfe“, könnte da passen. Die Jugendlichen müssen für sich die richtige Mischung finden zwischen Abgrenzung und Hilfe annehmen können. Das übe ich mit ihnen.
Dass ein Klient durch eine Behandlung wieder besser sehen konnte, wie der Blinde in der Geschichte, habe ich selbst noch nicht erlebt. Wie jemand so etwas verkraftet, hängt sicherlich davon ab, wie lange er vorher schon blind war und wie er mit dieser Blindheit umgegangen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für jemanden, der als Kind erblindet ist und als Erwachsener operiert wird, durchaus eine Bürde sein kann, wieder sehen zu können. Er müsste alles neu lernen. Allein schon die eigenen Bewegungen zu sehen könnte verunsichern. Das Gehirn wäre durch die Reizüberflutung am Rande der Überforderung.
Dass Klienten im umgekehrten Fall mit ihrer Blindheit ringen und sich wünschen, wieder sehen zu können, habe ich aber schon erlebt. In der Regel sind das diejenigen, die früher einmal sehen konnten und aufgrund von Krankheit oder Unfällen erblindet sind. Was sie erleben, ist Trauer über einen Verlust – so wie
jemand trauert, dass sein Partner nicht mehr da ist. Wie lange die einzelnen Trauerphasen wie Verleugnen, absolute Verzweiflung und nach eigenen Ressourcen gucken dauern und wie intensiv sie bei jemandem auftreten, ist allerdings extrem unterschiedlich. Ich muss dann versuchen zu verstehen, wo derjenige in seinem Trauerprozess steht und wie ich ihn unterstützen kann. Durch meinen Umgang mit vielen anderen Blinden weiß ich, dass Blindheit nicht das Ende der Welt ist. Und dass man auch ohne sehen zu können ein erfülltes Leben haben kann. Das hilft mir, geduldig abzuwarten, bis mein Klient das auch selbst erkennen kann.
Über Wundergeschichten spreche ich dabei nie, obwohl ich christlich bin. Das wäre zu heikel. Es gibt so viele Deutungsmöglichkeiten – und leider auch die, dass Blinde nicht fest genug glauben, sonst würden sie geheilt. Damit werden sie für ihre Blindheit verantwortlich gemacht. Für die Betroffenen ist das fatal und überhaupt nicht hilfreich. Klar, Wunder passieren auch heute noch, so wie in der Geschichte. Aber sie sind wie ein Sechser im Lotto: Ich kann mein Leben nicht darauf ausrichten, dass mich jemand heilt oder irgendjemand den Blinden heilt, damit ich mich nicht mehr mit ihm beschäftigen muss. Wir müssen also andere Lösungen finden, bis das Wunder vielleicht passiert.
„Nun hilf mir doch, Gott!“, Ursula Junge, 74, Hamburg, Schwimmtrainerin im Ruhestand
Es muss jemand seine schützende Hand über mich gehalten haben, sonst wäre ich nicht mehr am Leben. Davon bin ich heute überzeugt, auch wenn ich mich als unreife Göre im Konfirmandenunterricht immer mit unserem Pfarrer gestritten habe. Dass Jesus übers Wasser gehen konnte und Blinde geheilt hat, konnte ich einfach nicht glauben. Hätte ja auch sein können, dass der Blinde einfach eine Entzündung hatte, die auf natürlichem Wege wieder zurückgegangen ist, wie eine Grippe, die kommt und geht. Heute will ich die Bibelgeschichten nicht mehr zerreißen. Ich weiß, dass sie mich zum Nachdenken bringen wollen. Wenn der Blinde erst nur „etwas wie Bäume“ sieht, heißt das, dass man Geduld haben muss. Bei Leuten, die heute wegen eines grauen Stars operiert werden, muss sich auch erst alles einspielen. Geheilt werden heißt also nicht unbedingt, dass plötzlich alles gut ist, wie wenn man mit dem Finger schnippt.
Auch meine eigene Heilung ist ein Wunder. Trotzdem hat es Jahre gedauert, bis ich den Krebs überstanden hatte: Nachdem mehrere Ärzte mir mehr als ein halbes Jahr lang versichert hatten, es sei – trotz meiner Schmerzen – alles in Ordnung, stellte man bei mir Krebs im letzten Stadium fest. Überall waren Metastasen. Meine Eierstöcke wurden entfernt, eine Niere und ein Stück Darm. Die Metastase an der Aorta wurde mit Hyperthermie behandelt. Insgesamt wurde ich 13-mal operiert und 26-mal bestrahlt. Mein Zustand verschlechterte sich so sehr, dass ich anfing, Abschied zu nehmen. Ich ordnete meine Angelegenheiten, übergab meiner Tochter die Geschäftsführung unserer kleinen Familien-GbR. Ich bezahlte Beerdigung und Grabpflege. Besserung war aussichtslos.
Als mich eines Sonntags ein befreundeter Arzt im Krankenhaus besuchte, hatte ich Erscheinungen: Meine verstorbene Mutter und meine Großeltern standen um mein Bett. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie mich abholen wollten. Und blaues Licht habe ich gesehen. Ich dachte, es sei ein Feuerwehrauto. Ich bin ein ziemlich erdverbundener Mensch und rede nicht gern über Übersinnliches. Da seien weder ein Feuerwehrauto noch andere Leute im Zimmer, sagte mein Bekannter. Da haben wir gemeinsam gebetet. „Ich dachte, dass du an diesem Tag sterben würdest“, sagt er heute.
Nach einer Weile verschwanden die toten Verwandten, und ich hatte irgendwie das Gefühl, noch eine Aufgabe im Leben zu haben. Trotzdem haderte ich immer wieder „Warum eigentlich ich, die ich immer zur Vorsorge gegangen bin, nicht geraucht und mich gesund ernährt habe? Nun hilf mir doch, Gott!“ Ich wollte aufgeben, so elend war mir. Aber immer dann ging die Tür auf und der befreundete Arzt kam herein oder meine Enkeltochter oder der Röntgenarzt, der auf meiner Station eigentlich gar nichts zu tun hatte. Ich hatte das Gefühl, dass Gott diese Menschen zu mir schickt, damit ich nicht aufgebe.
Ich bekam Megestat-Tabletten und wurde – von der Krankheit klapperdürr – furchtbar dick. Deshalb beschloss ich, sie nicht mehr zu nehmen. „Das können Sie nicht machen“, sagte der Professor. „Sie wissen doch, wir machen nur noch Palliativ-Medizin. Genießen Sie noch diesen Sommer.“ „So fett, wie ich bin, kann ich mich sowieso nicht mehr bewegen. Sollte der Krebs wieder aufflackern, kann ich sie ja immer noch wieder nehmen“, sagte ich und nahm keine Tabletten mehr.
Von da an ging es mir besser, aber so unmerklich und in so winzigen Schritten, dass ich mich kaum bewusst daran erinnern kann. Das war das eigentliche Wunder: Der Krebs entwickelte sich zurück, ein halbes Jahr später waren keine Tumorzellen mehr in meinem Körper zu finden. Ich habe mich wie verrückt gefreut, alle haben geguckt im Krankenhaus, weil ich so gejubelt und auf dem Flur getanzt habe. Der Arzt war baff. Und wenn ich heute Aufnahmen von meinem zerfressenen Körper angucke, kann auch ich nicht glauben, dass ich gesund bin und keine Medikamente mehr nehmen muss. Ja, ich bin eine Kämpfernatur, war ich schon immer. Aber wenn Gott nicht gewesen wäre, dann wäre ich gestorben.
„Wir hoffen auf einen Chip“Walter-G. Wrobel, 59, Reutlingen, Vorstandschef der Firma Retina Implant
Die Geschichte „Heilung eines Blinden“ kommt mir vor wie der Bericht einer klinischen Studie – so als wollte Jesus nachweisen, dass er wirklich Menschen heilen kann. Ich kenne solche Testverfahren, weil ich lange Jahre als Physiker in der Medizintechnik-Branche gearbeitet habe und nun Vorstandschef der Firma Retina Implant bin. Wir sind dabei, einen Chip zu entwickeln, mit dessen Hilfe Patienten mit Netzhautdegenerationen wieder sehen können. Deshalb weiß ich: Wenn ein Mal jemand wieder sehen kann, so wie der Blinde aus Betsaida, sagt Ihnen jeder Augenarzt: „Das ist reiner Zufall!“ Also müssen Sie zeigen, dass Sie das Ergebnis mehrfach erzeugen können. Deshalb wird in der Bibel auch so oft von Jesus als Heiler berichtet.
Natürlich muss jeder Patient nach der Behandlung den Mund halten und darf nichts weitererzählen. Wenn der erste Patient zum nächsten sagt: „Das musst du sagen, dann ist der Arzt zufrieden“, würden die früheren Ergebnisse der Studie die späteren nämlich beeinflussen. Man muss die Studienteilnehmer also voneinander trennen. Genau das hat Jesus versucht, als er dem Blinden verboten hat, ins Dorf zu gehen. Jesus war klar: Ein Geheilter besagt noch gar nichts. Das ist nur ein Wunder. Also brauche ich noch weitere Patienten. Leider hat das nicht funktioniert: Der Blinde konnte seinen Mund nicht halten. Deshalb kennen wir heute seine Geschichte.
Ob sie deshalb wirklich so stattgefunden hat und der Blinde überhaupt im medizinischen Sinne blind war, ist sehr schwer zu sagen. Ich bin Agnostiker, ich glaube nicht unbedingt an Wunder und ich weiß auch: Vieles, was in der Bibel steht, stand schon vorher in anderen Schriften oder wurde erzählt und dann aufgeschrieben. Wahrscheinlich ist die „Heilung eines Blinden“ deshalb eine dieser Heilsgeschichten, die vor 2000 Jahren im Orient kursierten. Trotz allem erzählt die Geschichte von einigen Vorgehensweisen, die an heutige Augenoperationen denken lassen: Speichel wirkt desinfizierend. Heute verwendet man natürlich Salben und Verbände, aber der Zweck ist derselbe. Und dann dieser Satz „Ich sehe Menschen, denn ich sehe etwas, das aussieht wie Bäume und umherläuft“ – so etwas hätte auch einer unserer Patienten sagen können. Auch sie müssen nämlich, trotz Chip, das Sehen erst wieder lernen.
Wenn die Schwellungen zurückgegangen sind, also etwa zwei Wochen nach der Operation, schalten wir den Chip im Auge des Patienten zum ersten Mal ein und testen: Hat der Patient Lichteindrücke? Und wenn ja, kann er die Lichtquelle lokalisieren, also sagen, wo sich im Raum das Fenster oder die Lampe befinden? Wenn die Netzhaut durch Krankheiten wie zum Beispiel Retinitis pigmentosa degeneriert ist, sind nämlich die Zapfen und Stäbchen im Auge nicht mehr vorhanden. An ihrer Stelle reizt nun der Chip die Netzhaut mit elektrischen Impulsen, sodass der Patient wieder Farben erkennen und Dunkelheit und Helligkeit unterscheiden kann.
Ich erinnere mich noch gut an einen der ersten Teilnehmer unserer Pilotstudie: Am ersten Testtag konnte er schon Buchstaben erkennen, verschwommen und flackernd, wie etwas am Grund eines Swimmingpools. Doch schon am zweiten Tag hatte sich sein Gehirn erinnert, wie die Buchstaben aussahen, die er Jahre zuvor als Sehender in der Schule gelernt hatte. Da konnte er sie auf einmal klar und deutlich erkennen. Wenn ich so etwas bei unseren Patienten erlebe, bin ich fast schon gerührt und auch stolz. Es bedeutet für mich Sinn im Leben, Menschen zu helfen. Deshalb stinkt es mir gewaltig, wenn es bei manchen Medizintechnik-Firmen nur ums Geld geht. Gleichzeitig denke ich darüber nach, wie wir unsere Chips bis zur Zulassung auf dem europäischen Markt weiter verbessern können. Nicht alle Patienten können mit dem Chip so gut sehen, dass sie wieder lesen können. Aber wenn sie mir erzählen, was sie mit unseren Chips alles erlebt und gesehen haben, macht mich das glücklich.





