www.zeit.deProbe-Abo

Was darf Satire?

"Blasphemie gehört zum Christentum"

Aus: Ausgabe 08/2012

Im Kölner Karneval fährt Jesus auf dem Elektroroller zur Kreuzigung. Das verletzt das Heiligste, kritisiert die Kirche. Lachen befreit von allem Korrekten, kontert der Kabarettist Jürgen Becker im Interview

Ernst Hermann/Fotolia

Christ & Welt:  Wenn sich katholische Würdenträger übers Kabarett beschweren, hat es dann seine Mission erfüllt? 
Jürgen Becker:
Für Kabarett und Religion gilt gleichermaßen: Sie sollten nicht missionieren. Die gewalttätige Geschichte der christlichen Mission ist auch eine Warnung an jede Form von Kunst. „Mission impossible!“ Das ist meine Mission.

C & W:  Sind Sie als Kabarettist enttäuscht, wenn alle lachen und niemand „Blasphemie!“ ruft?
Becker:
Nein. Blasphemie braucht keine Rufer, sie ist ein uraltes Hausmittel. Jesus war mit seiner Behauptung, er sei Gottes Sohn, für Römer und Juden gleichermaßen blasphemisch und provokant. Ohne Blasphemie kein Christentum.

C & W: Wenn Gläubige sagen, sie fühlten sich von einem Witz über Jesus oder Kardinal Meisner verletzt, glauben Sie ihnen das? Beeinflusst es Sie?
Becker:
Dass ein Witz über Kardinal Meisner andere verletzt, glaube ich kaum. Er wird auch von Christen selten ernst genommen, eher in Demut ertragen als Prüfung Gottes. Bei Jesus sieht die Sache schon anders aus. Wenn Menschen sich mir gegenüber da betroffen äußern, gebe ich ihnen zu bedenken: Ein Witz ist umgekehrte Zuwendung.

C & W: Welche Pointe eines anderen Kabarettisten hat Sie verletzt?
Becker:
Keine. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Kabarett, sodass ich nicht alles mitbekomme.

C & W: Nehmen sich die Kirchen zu ernst?
Becker:
Dafür gibt es viele Beispiele. Dass wir heute griechische Götterstandbilder nur noch als billige Kopien betrachten können, haben wir den frömmelnden Christen zu verdanken. Die nahmen sich selbst so ernst, dass sie die Götterbilder der anderen Religionen konsequent zerdeppert haben, und zerstörten Kunstschätze von unfassbarem Wert – und die Griechen haben keinen Schadenersatz gefordert. Das könnten sie heute noch machen. Dann wäre Griechenland saniert und der Vatikan pleite.

C & W: Nehmen Sie die Kirchen ernst?
Becker:
Die Kirche ist eine Firma, die hat seit 2000 Jahren dasselbe Problem: Sie muss etwas verkaufen, was noch nie jemand gesehen hat. Da kommen Sie mit Vernunft nicht weit, da brauchen Sie Phantasie. Und Phantasie sollte man immer ernst nehmen, denn hier liegen Chancen und Gefahren dicht beieinander.

C & W: Laut Bibel hat Jesus nie gelacht. Was glauben Sie: Hat er doch?
Becker:
Weiß man’s? Den zum Weltbild Verlag gehörenden Knaur-Band „1000 Witze zum Schlapplachen“ trug er wahrscheinlich selten bei sich.Sowohl der Koran als auch die Bibel erinnern an den offiziellen, organisierten Karneval. Selten finden wir Stellen, die auf größeren Humor hindeuten. Lachen bedeutet Kontrollverlust, es ist ein Reflex vergleichbar mit einem Orgasmus, und das mögen dogmatische Hierarchien nicht, die ja wie alle Diktaturen auf Kontrolle basieren. Die daraus resultierende Leibfeindlichkeit vieler Religionen führte auch zur Humorlosigkeit. Lust und lustig haben schließlich denselben Ursprung.

C & W: Die Auseinandersetzung zwischen Vertretern der katholischen Kirche und der Kölner Stunksitzung hat eine lange Geschichte. Ist das noch Provokation oder schon Ritual? 
Becker:
Der Karneval ist ein christliches Fest und sollte die Tradition wahren; kirchliche, auch blasphemische Beiträge gehören seit Jahrhunderten dazu. Also Ritual.

C & W: Hätten Sie als „Stunker“ den Kölner Generalvikar erhört und auf
Jesus mit dem Segway verzichtet?
Becker:
Jesus ist eine historische Figur. Für die Apostel war er kein Gott, die Vergöttlichung begann ja erst viel später. Noch für die Arianer war er halb Gott, halb Mensch. Man würde heute sagen, ein Hybrid. Insofern ist die Verbindung zu einem modernen Elektrofahrzeug gar nicht so weit hergeholt. Kunst, auch Kleinkunst, löst Dinge aus dem gewohnten Kontext und setzt sie in andere Zusammenhänge. Das hat Jesus übrigens auch gemacht: Gleichnisse funktionieren genauso.

C & W: Warum ist die evangelische Kirche weniger kabaretttauglich als
die katholische?
Becker:
Das müsste nicht so sein. „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin“, habe ich mit meinen Freund Norbert Alich gesungen, und ich freue mich jedes Mal, wenn es Karneval in der Kneipe läuft. Und es ist auch wunderbar, dass das Promille-Malheur in Hannover Margot Käßmann passierte. Stellen Sie sich das mal bei einem katholischen Bischof vor: Der fährt nachts betrunken bei Rot über die Ampel und der blutjunge Polizist sagt: „Einmal blasen.“ Das führt doch sofort wieder zu Missverständnissen. Die Pointen über Protestanten entwickeln sich meist aus der Gegenüberstellung zur katholischen Konkurrenz, also aus der Freude an der Unterschiedlichkeit.

C & W: Die Kirchen haben Mitglieder und Macht verloren. Was reizt noch an Pointen über Bischöfe und biblisches Personal, wenn immer weniger Leute wissen, was ein Bischof ist?
Becker:
Der Reiz liegt im Beobachten der Fallhöhe, dem Entgleiten der Autorität an sich selbst. Der Klerus dient da oft als Metapher moralischer Maskerade und Bigotterie. Walter Mixa und Christian Wulff – beide wollten das Volk für dumm verkaufen.

C & W: Sie moderieren auch ein Programm „Kabarett am Minarett“
in der Duisburger Moschee. Welche Rücksichten nehmen Sie da? 
Becker:
Problematisch für viele türkische Zuschauer und die Imame ist alles, was wir umgangssprachlich als „untenrum“ bezeichnen. Also Menstruationskabarett, das sich an Charlotte Roche orientiert, würde die Stimmung vollends versauen. Man muss über der Gürtellinie bleiben. Atmosphärisch fühlte ich mich an meine Auftritte in katholischen Kirchengemeinden erinnert, zum Beispiel im Abteizentrum Duisburg-Hamborn unweit der Moschee. Da sitzen manchmal auch Frauen mit Kopftüchern. Es sind Nonnen. Das sind meist wunderschöne Abende. Wenn die Kultur uns trennt, muss sie uns auch wieder zusammenbringen.

C & W: Eine Mohammed-Satire à la Monty Pythons „Leben des Brian“ – ist das möglich?
Becker:
„Kabarett am Minarett“ ist ein Beispiel für das Ausloten solcher Möglichkeiten und Wünsche. Ich halte es da mit Willy Brandt: „Wandel durch Annäherung“.

C & W: Haben Sie schon eine Pointe unterlassen, weil sie etwas berührte, das anderen heilig ist? Und haben Sie schon mal eine bereut?
Becker:
Das kam vor, aber es war recht selten. Denn Kabarett ist ja keine Herzoperation, bei der es um Leben und Tod geht. Letztlich ist es ein herrlicher Quatsch und die Befriedigung der Lust am Lustigsein. Lachen als lustvoller Reflex innerer Befreiung von allem Korrekten. Mit anderen Worten: Wer in den Puff geht, darf sich hinterher nicht beschweren, dass da nackte Frauen drin sind.

C & W: Was ist Ihnen heilig – außer dem Privatleben?
Becker:
Heiligtümer und Heilige im klassische Sinne haben es heute schwer. Via Internet weiß man schnell zu viel über diese Menschen. Man erfährt auch deren Schattenseiten, und man stößt sie schnell wieder von der Säule. Liebe ist treffender, sie schließt die Fehler mit ein. Das kann auch Leidenschaft zu ganz banalen Passionen sein. In meinem Fall ein altes Motorrad. So finde ich mein Glaubensbekenntnis im Paragrafen 1 der Straßenverkehrsordnung. Weil er das Betriebsgeheimnis aller friedlichen Religionen pointiert auf den Punkt bringt – und ganz nebenbei auch die Zehn Gebote: „Jeder hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar ist, behindert oder belästigt wird.“ Amen. 

Die Fragen stellte Christiane Florin.

Zum Weiterlesen: Jürgen Becker: Religion ist, wenn man trotzdem stirbt.
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2011.

 

Erschienen in:
Ausgabe 08/2012
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
keine