Brief an die Bundeskanzlerin
Bewahren
Aus: Ausgabe 51/2011
Es beginnt jetzt die Suche nach der gesellschaftlichen Ordnung für morgen; und es wird ein sehr harter Weg dahin, meint Johann Michael Möller in seinem Weihnachtsbrief.

Es ist wie jedes Jahr zu Weihnachten. Das Fest steht vor der Tür, und keiner der Briefe ist geschrieben, die man sich vorgenommen hat. Ihnen, liebe Frau Merkel, aber will ich doch noch schreiben. Denn gute Wünsche sollen sein.
Dies Jahr war furchtbar. Und wir wissen nicht, was kommen wird an neuem Ungemach. Man hört es knacken im Gebälk unserer politischen Ordnung und weiß nicht, ob es wirklich bricht. Die Untergangsapostel haben wieder Konjunktur. Auf ihre Fragen aber gibt es keine Antwort mehr. Die Glaubwürdigkeitszertrümmerer des Westens scheinen ganze Arbeit zu leisten: die Kasinokapitalisten, die sich die prinzipielle Gutartigkeit unserer freien Gesellschaft zunutze machen; aber auch die feuilletonistischen Großzweifler an den Selbstheilungskräften unserer Marktwirtschaft.
Kürzlich fiel mir ein Buch in die Hände, das bereits zehn Jahre nach dem Fall der Mauer die Alternative wieder aufmachte: „Freiheit oder Kapitalismus“. Eine Frage war das nicht. Und dass wir heute unseren „zweiten Fall der Mauer“ erleben, scheint in vielen Köpfen längst schon ausgemacht. Michael Lewis, einer der bekanntesten Kritiker der Bankenkrise, hat auf die Frage, ob der Wahnsinn der Märkte das kapitalistische System zum Einsturz bringen werde, sehr treffend geantwortet: „Verändern ja, zum Einsturz bringen nein.“ Denn es gibt die Systemalternative nicht mehr. Es gibt keine Rückfahrt in die vermeintlich heile Welt des Sozialismus. Die Schiffe sind verbrannt. Und weil wir das natürlich wissen, sagt Lewis, „sitzen wir in der Falle“.
Vielleicht ist es das, liebe Frau Merkel, was uns in diesen Wochen so umtreibt: dass wir mit den pragmatischen Rezepten von heute genauso am Ende sind wie mit den politischen Utopien von gestern; aber dass wir spüren, wie dramatisch sich die Verhältnisse ändern.
Es beginnt jetzt die Suche nach der gesellschaftlichen Ordnung für morgen; und es wird – prophezeit Lewis – ein sehr harter Weg dahin.
Auf der Linken hat man diesen Wettbewerb schon angenommen, und der SPD-Politiker Matthias Machnig hat dafür einen neuen Schlüsselbegriff geprägt, den des „Neuen Fortschritts“. Man kann sich darüber lustig machen, denn auch die „Neue Mitte“ war einst seine Erfindung. Aber anders als bei der damaligen Standortneubestimmung der SPD geht es heute um die Frage: Wie sieht die Moderne der Moderne denn wirklich aus? Liest man die jetzt erschienenen Texte dazu, dann ist neben der üblichen Emanzipations- und Gewerkschaftsfolklore überraschend häufig vom „Bewahren“ die Rede. Man hat sogar den Eindruck, dass hier notwendigerweise auch ein neuer Begriff von „konservativ“ entsteht.
Meine Zweifel bleiben groß, ob aus dieser alten, vertrockneten Wurzel noch einmal junge Ideen sprießen können. Aber dass sie schmerzhaft fehlen, das wird in diesen Tagen deutlich.
Wenn ich mir zu Weihnachten etwas wünschen darf, liebe Frau Merkel, dann diesen Diskurs. Und zwar innerhalb Ihrer Partei. Und nicht draußen im Walde.





