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Brief an die Bundeskanzlerin

Betr.: Wachstum

Aus: Ausgabe 22/2012

Anhand von Kraut und Rüben in seinem Garten erklärt Michael Rutz Konjunkturprogramme. Äpfel und Birnen lassen sich in der Politik durchaus vergleichen.

Während ich diese Zeilen schreibe, verhandeln Sie in Camp David über Wachstumsprogramme. Aus dem Norden Deutschlands kann ich vermelden: Hier wächst alles bestens. Die Kohlrabi haben zwei Wochen etwas gezögert, aber jetzt nehmen sie kräftig zu. Die Buschbohnen („Dublette“) brechen gerade aus dem Boden. Bei den Tomaten (Sorten: „Caprese“ und „Harzfeuer“) entwickeln sich die Triebe kraftvoll. Der Sellerie steht gut in seinem Grün, Gurken und Rettich („Albena“) ebenfalls. Prächtige Wachstumsraten zeigt auch der Salat („Archimedes“, „Lollo rossa“, „Gala“). Aber auch hier, Frau Merkel, sind die Feinde des Wachstums nicht untätig. Bei mir gibt es keine gewalttätigen Großdemonstrationen, aus den Ecken der Salatbeete kriecht aber die Kapuzinerschnecke, die selbst im Biogarten nicht mit Bierfallen, sondern nur mit Schneckenzäunen, also klaren Abgrenzungsmaßnahmen, zu besiegen ist.

Wachstum braucht Pflege. Sie kämpfen zu Recht um Strukturreformen und Sparsamkeit und gegen milliardenschwere Investitionsprogramme. Auch ich habe mich gegen den großflächigen Düngereinsatz entschieden. Stattdessen sorge ich mich um die Wachstumsbedingungen: regelmäßig jäten, den Boden lockern, gut wässern. Wenn schon Dünger, dann ist weniger mehr. Aus der Benediktinerinnenabtei St. Maria in Fulda habe ich mir ein Kräuterpulver kommen lassen, das sie dort „Humofix“ genannt haben. Es besteht aus getrockneten, handgemörserten Kräutern, und zwar wilder Kamille, Löwenzahn, Baldrian, Schafgarbe, Brennnessel, desinfizierender Eichenrinde sowie Honig und Milchzucker. Ein Tütchen des Pulvers setzt man auf einen Liter Wasser an, um davon dann je zwei Teelöffel auf einen Liter Gießwasser zu nehmen. Pure Homöopathie, die Benediktinerinnen schwören darauf. Vielleicht geben Sie Ihrem Kabinett davon zu trinken. Ein reizender Sommer-Lesetipp dazu für Ihren Garten, denn es gibt noch eine Welt außerhalb aller Euro-Sorgen: „Ein Garten liegt verschwiegen?…“ von Mely Kiyak (Hoffmann und Campe).

Meine Frau fragt mich, was wir eigentlich mit der ganzen Ernte machen wollen. Wir werden Hamburger Freunde versorgen, und die Wurzelgemüse und Äpfel werde ich in feuchten Sand einschlagen, wie früher. Und ich werde Gurken, Tomaten und Paprika einlegen, Marmelade kochen. Also die Früchte des Wachstums für die Zukunft sichern. Das sollten Sie auch tun. Dafür brauchen Sie freilich fähige, realistische Mitarbeiter. Mit ein wenig benediktinischer Versöhnungsbereitschaft kann es Ihnen gelingen, Friedrich Merz ins Kabinett zu holen, denn Wolfgang Schäuble sollte sich hauptberuflich um die marode Euro-Disziplin kümmern. Dann hätten Sie die Seele der CDU, die Wirtschaftskompetenz der Partei und die nach Norbert Röttgens berechtigtem Rauswurf verwundete NRW-CDU gleichermaßen balsamiert. Es grüßt Ihr Wachstumsfreund


Erschienen in:
Ausgabe 22/2012
Redakteur:
Michael Mertes (ehemaliger Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten der Landesregierung NRW)
Thema:
Brief an die Bundeskanzlerin
Stichworte:
Innenpolitik, Außenpolitik, Lebensstil, Wirtschaft