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Haltung bitte!

Beten für die Bayern

Aus: Ausgabe 48/2013

„Wir sind Christen und glühende Bayern-München-Fans. Nun diskutieren wir heftig, ob es okay ist, wenn Uli Hoeneß Aufsichtsratsvorsitzender unseres Vereins bleibt, obwohl er Steuern hinterzogen hat und dafür angeklagt wird. Unbehaglich ist uns schon, aber irgendwie gehört er doch zur Familie. Christen sollen ja verzeihen können.“ Hilmar und Siggi H., bei München

Ihr Bayern seid schon eine sehr spezielle Familie. Das sag ich aus Preußen. Wenn Bayern und der FC Bayern München aufeinandertreffen, scheint das doppelt zu gelten. Wie viel Großherzigkeit da in der Luft liegt, nicht nur im Aufsichtsrat eines Clubs, der längst ein Sportkonzern geworden ist. Auch bei den Fans. Ob diese Großzügigkeit aber christlich ist? Da muss ein echter Kerl wie Hoeneß mal richtig heulen, und den Männern werden stehplatzweise die Knie weich. Tränen der Reue, des Selbstmitleids oder der Erleichterung über so viel Treueschwüre? Wer mag das entscheiden? Liegt es daran, dass ich eine Frau bin oder Fußballignorantin oder aus dem Norden? Verzeihen ist in der Tat eine christliche Tugend. Und die Art des Medienprangers, an den seit einigen Jahren immer wieder Prominente gestellt werden, zeigt eine problematische Verrohung von gesellschaftlichen Umgangsformen mit Schuld und Versagen.

Aber dass Aufsichtsratsmitglieder und Fußballfans jemanden liebevoll in die Arme nehmen, der gar nicht um Verzeihung gebeten hat, ist schon verwunderlich. Sie machen aus dem Straftatbestand der Steuerhinterziehung ein Kavaliersdelikt. „Er ist ein Vorbild für die Jugend. Wir brauchen ihn, er bleibt einer von uns“, heißt es auch bei Bayernfans in Berlin. Schließlich habe der Mann ja das Bundesverdienstkreuz und spende auch ganz viel. Als könne man die Steuerschuld mit den mildtätigen Gaben verrechnen. Was für ein Vorbild für die fußballbegeisterten Jungen und Mädchen des Landes wäre er erst, wenn er gesagt hätte: „Leute, tut mir leid, dass ich meine Steuererklärung nicht ernst genommen habe. Steuern sind ja auch euer Geld. Ich übernehme die Verantwortung für meinen Fehler und trete zurück.“ Ein Held wäre geboren, einer, dem man glauben kann, einer mit Ecken und Kanten und echten Tiefpunkten. Einer, der sein Bundesverdienstkreuz wieder stolz tragen könnte. Ein Vorbild, nicht nur für Fußballfans. Vielleicht gibt es ein paar Anhänger wie Sie, die ihm das sagen?

Erschienen in:
Ausgabe 48/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch