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Haltung, bitte!

Besser mit Messer

Aus: Ausgabe 47/2013

„Die Kinder meiner guten Freundin benehmen sich beim Essen total daneben und haben keinerlei Tischmanieren. Darf ich da intervenieren?“ Dorothea B., Hamburg

Wenn zwei Tischkulturen aufeinandertreffen, entspannt sich nicht immer ein interkulturelles Miteinander. Früher gab es nicht nur bei Tisch so etwas wie Etikette. Richtig mit Messer und Gabel zu essen war Teil der Erziehung. Heute kann man Manieren wahlweise als spießiges Verhaltenskorsett oder als Haltung des wechselseitigen Respekts verstehen.

Deftige Schmatzgeräusche stören das Gespräch, und wer mit den Ellenbogen auf dem Tisch rüpelt, begrenzt den Bewegungsraum des Tischnachbarn. Leider gibt es für familienkulturelle Unterschiede bei den Tischmanieren kaum Übersetzer. Was für die einen völlig belanglos ist – die Kartoffeln mit den Fingern zu essen, die Serviette als Tellerdekoration zu benutzen –, kann anderen den Appetit verderben. Ändern lassen sich die störenden Verhaltensmuster allerdings so schwer wie die Rituale eines fremden Stamms. Dieses Verhalten wird in der Regel früh eingeübt. Meistens ist es übrigens den Eltern abgeguckt.

Vermutlich wollen Sie Ihre Freundschaft nicht mit so etwas Nebensächlichem wie Körperhaltung und Messerverkehr ruinieren. Wenn Sie sich aber wirklich gestört fühlen, kann Ihre Freundin das ruhig wissen. Sie müssen ja keine große Sache draus machen. Sehen Sie die Kinder nur selten, können Sie es, je nach Alter der Tischrabauken, mal mit ironischen Einwürfen versuchen. „Heute ist bei uns Messer-und-Gabel-Tag. Wie ist es bei euch? Nächstes Mal, wenn ihr kommt, gibt es Fingerfood.“

Manchmal hören Kinder auf die Hinweise vertrauenswürdiger Erwachsener sogar eher als auf die Erziehungsversuche der Eltern. Wenn Sie sehen, dass Ihre Freundin die Augenbraue hochzieht, weil sie Ihren Vorstoß als etwas übergriffig empfindet, sollten Sie es bei einem Versuch belassen, auch wenn’s schwerfällt. Sind Sie allerdings viel mit den Kindern zusammen und sehr vertraut mit ihnen, können Sie schon mal sagen, dass es Sie nervt, wenn über dem Dessert Popel in der Nasenhöhle geschürft werden. Interkulturelle Begegnungen vertragen in der Regel dann Klarheit in der Sache, wenn ansonsten Herzlichkeit den Umgang prägt.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch